Pervertierung der politischen Kultur

Viel ist in der Ratlosigkeit der vergangenen Tage über den designierten Präsidenten der USA geschrieben worden. Auf «Spiegel Online» sind wir auf diese bemerkenswerte Aussage gestossen.

All jene, die sich darüber wundern, wie es Donald Trump so weit bringen konnte, sollten bedenken: Er war kein Aussenseiter, sondern ein Medien-Insider. Er ist die Pervertierung der Popkultur.

Bleibt die Frage, wieso es all die anderen rechten Populisten wie Blocher, Wilders, Le Pen, Hofer, Köppel, Petry und viele mehr so weit gekommen sind; allesamt getrieben von einer Verachtung der vermeintlichen politischen Elite – zu der sie notabene genauso gehören; allesamt für sich in Anspruch nehmend, das Volk zu vertreten – dabei negieren sie die Existenz aller Stimmberechtigten mit anderer Meinung. Diese selbsternannten Volksvertreter verschliessen sich gegenüber dem Pluralismus und blenden gut und gerne die Hälfte der einheimischen Bevölkerung aus. Respektlos poltern sie gegen Andersdenkende, ohne Skrupel schüren sie Angst und Hass gegenüber Fremdem.

All jenen, die ohnmächtig auf diese Pervertierung der politischen Kultur blicken, sei die Lektüre des aktuellen «NZZ Folio» empfohlen. Sie liefert zwar keine Antworten, aber immerhin Erklärungsansätze. Indem wir die Denkmuster der Populisten zumindest zu verstehen versuchen, vermeiden wir ihren eklatantesten Fehler. Wir verneinen die Existenz von Andersdenkenden nicht, sondern versuchen ihre Ansichten zu ergründen. Denn wir wissen: In jedem Staat existiert mehr als nur eine Meinung. Diese Erkenntnis tönt banal, scheint dennoch bei vielen «Volksvertretern» nicht angekommen zu sein.

folio_cover_7-11-16

Kleine Medienschelte

Nachdem wir in letzter Zeit vor allem gelobt haben – insbesondere gute Bücher –, wollen wir nun endlich wieder einmal stänkern. Das tun wir mit einer Liste von zehn Dingen, auf die wir in den Medien gerne verzichten würden:

  1. Donald Trump
  2. Alles aus der «Weltwoche»
  3. Artikel, die mit dem Pronomen Ich beginnen
  4. Berichte über «Schweizer Promis», sprich Angestellte von SRF
  5. Artikel, die auf Vermutungen und unbestätigten Gerüchten aufbauen publiziert mit dem alleinigen Ziel, als erste über ein Ereignis zu berichten
  6. Mamis oder Papis, die nach der Geburt des ersten Kindes einen Wir-Eltern-Ratgeber-Blog aufschalten
  7. Zeitungsberichte über TV-Sendungen (Besonders beliebt: «Donnschtig-Jass» in lokalen Blättern, «Arena» in nationalen Medien)
  8. Undifferenzierte online-Kommentare selbsternannter «Islamexperten»  (Grundtenor: Muslim = Terrorist)
  9. Push-Nachrichten über irrelevante Ereignisse in der Stadt Zürich, zum Beispiel einen Stromausfall im Kreis 4
  10. Sämtliche Berichte über Kim Kardashian, Irina Beller, Gianni Infantino, Chris von Rohr oder Christoph Blocher. Wer sind die überhaupt?

Ein Migrationsdrama

Das macht uns traurig: 1967 erblickte in Bratislava in der damaligen Tschechoslovakei Iveta Gavlasovà das Licht der Welt. Nach der Schulzeit schreib sich die strebsame Frau 1985 für das Studium der Medizin ein. 1992 legte sie das Staatsexamen mit dem Prädikat «Ausgezeichnet» ab. Ein Jahr später promovierte sie an der Universität ihrer Heimatstadt zum «MEDICINAE UNIVERSAE DOCTOR» / MUDr. (Doktor der Medizin).

Im selben Jahr kam sie in die Schweiz, heiratete und trägt seither den Namen Yvette Estermann. 1999 erhielt sie die hiesige Staatsbürgerschaft. Sechs Jahre danach startete sie durch und nahm eine steile politische Karriere in Angriff. 2005 wurde sie in den Luzerner Kantonsrat gewählt. Seit 2007 vertritt sie den Stand Luzern in der Grossen Kammer in Bern. Von der Migrantin zur Nationalrätin: wenn das nicht gelungene Integration ist!

Und jetzt dies: «Der Schweizer Ärzteverband VSAO hat Yvette Estermann das Recht abgesprochen, sich Dr. med. zu nennen. Ihr fehlt die Dissertation», schreibt der neue Zentralschweiz-Korrespondent des «Tagesanzeigers», Michael Soukup. Und:

Mit dem Entscheid des Ärzteverbandes darf die Luzerner Politikerin ab sofort nur noch den in der Slovakei erworbenen Titel «MU Dr., Comenius-Universität in Bratislava» führen. Dieser Titel beruht allerdings nicht – wie an Schweizer Universitäten – auf dem Abschluss einer Forschungsarbeit mit Dissertation (Dr. med.). Es handelt sich vielmehr um einen sogenannten Berufsdoktor, der in der Slowakei allen Absolventen des Medizinstudiums zusammen mit dem Abschlussdiplom verliehen wird.

Wir sind empört und fragen: Ist das der Umgang der Schweiz mit strebsamen Neo-Eidgenossinnen?

Nicht weniger traurig macht uns, was der «Tagesanzeiger» einen Tag früher ans Licht brachte. Ein Rats- und Parteikollege Estermanns hat derzeit ebenfalls schlechte Presse: Prof. Dr. phil. Christoph Mörgeli. Zwar zweifelt niemand an dessen Dissertation und Habilitation. Dennoch könnte seine akademische Reputation besser sein.

Denn ein pünktlich zum Sessionsbeginn an die Öffentlichkeit durchgesickerter interner Bericht der Uni Zürich kritisiert Mängel im von Mörgeli geleiteten Medizingeschichtlichen Institut. Zudem sei das dazu gehörende Museum veraltet und teilweise gar fehlerhaft. Auch sei der Ansturm auf gewisse von Mörgeli angebotene Vorlesungen nicht eben riesig. Einige hätten deswegen gar abgesagt werden müssen.

Arme SVP, so viele Negativschlagzeilen. Denn da ist auch noch der Rücktritt von Nationalrat Bruno Zuppiger und der Knatsch innerhalb der Zürcher Kantonalpartei.

Insofern muss sich die stramme Iveta Estermann-Gavlasovà nicht allzu viele Sorgen machen. Denn sie hat sich nicht nur in der Schweiz bestens integriert. Auch in ihre Partei mit den mannigfaltigen Problemen passt sie hervorragend.

Nachtrag: seinen Humor hat Christoph Mörgeli offenbar nicht verloren. So twitterte er heute (12.09.12) Mittag: «Wann kriegt Whistleblower Blocher für seine Hildebrand-Verdienste 100 Millionen?»

Blocher und die Flasche

Das untenstehende Werbeplakat einer grossen Schweizer Einzelhandelsgruppe gefällt uns ausserordentlich. Dieses Exemplar hier haben wir auf dem Bahnhof Olten aufgenommen.

Ein genaueres Betrachten führte aber zu regelrechten Begeisterungsstürmen unsererseits. Denn Passanten haben das Plakat leicht bearabeitet, wie die Vergrösserung eines Ausschnittes zeigt.

Auf dem – pardon! – mittels Handykamera erstellten Foto ist leider nur schlecht ersichtlich, was auf der Flasche des kleinen oppositionellen Rackers steht: Köppel. Allerdings hat der Autor bei der ersten Niederschrift übersehen, dass sich der Chefredaktor der «Weltwoche» mit zwei P schreibt. Die etwas schlampige Korrektur des Fehlers mindert das Gesamtwerk aber überhaupt nicht.

Und woher soll er es auch wissen? Schliesslich liesst die Opposition der vermeintlichen Opposition das rechte Kampfblatt schon lange nicht mehr.

Uni-Stilblüten III

Das Semester ist noch jung, und doch sind in den heilligen Hallen der Universitäten schon wieder einige knackige Sprüche gefallen:

  • Dozentin: «Ich weiss nicht, ob ich das ganze Semester durchstehe. Ich bin eine wandelnde Zeitbombe.» (Sie ist hochschwanger und erwartet Zwillinge)
  • Professor: «Michel Foucault kann selbst ich nicht in vier Sätzen zusammenfassen.» (Wir lernen daraus: Historiker sind bescheidene Menschen)
  • Dozent: «Das Wort Tandem ist leider durch Putin und Medvedev politisch verseucht.» Ein paar Sätze später schiebt er nach: «Entschuldigen Sie, dass ich als wilder Russe mitunter politisch unkorrekte Fragen stelle.»
  • Studentin I (sucht für Teilnehmer eines Slavistenkongresses Übernachtungsmöglichkeiten): «Ihr könnt auch Präferenzen angeben, aus welchem Sprachgebiet die Person kommen sollte.»
    Studentin II: «Ich hätte gerne einen Russen.»
    Dozentin: «Oh ja. Schön, gross und mit vielen Muskeln.»
  • Dozentin: «Es ist ein uni-physikalisches Gesetz, das gegen Ende des Semesters weniger Studenten in den Vorlesungssälen sitzen.»
  • Student (der Politikwissenschaften, notabene): «Bundesrat Burkhalter ist ein Technokrat, Blocher war eine Rampensau.»
  • Dozentin: «Als ich in Russland meine Dissertation schrieb, wohnte ich bei einer Familie, bei der immer der Fernseher lief. Zu jener Zeit war der Papst gestorben und Berlusconi hate – mal wieder! – irgend einen Scheiss gebaut. Im Russischen Fernsehen war davon kein Wort zu hören. Die berichteten nur über irgend einen ihrer neuen Satelliten.»
  • Dozent: «Waren Sie schon mal in Russland?»
    Studentin (tiefe Semesterzahl; stolz): «Ja, in St. Petersburg.»
    Dozent: «Aber das ist doch nicht in Russland!»

Wir lernen, dass auch im akademischen Leben nicht immer alles bierernst genommen wird. Besonders plastisch manifestiert sich dies an folgendem Beispiel: in einer Veranstaltung des slavischen Seminars war eine angehende Meteorologin zugegen. Sie hatte sich für den Kurs eingeschrieben, weil sie ausserfakultäre Erfahrungen sammeln wollte und weil sie sich für die Tschuktschen (indigenes Volk im Fernen Osten Russlands) interessierte. Als es darum ging, ein Referatsthema zu finden, fühlte sich die junge Dame ziemlich unwohl, unter den vielen Slavisten mit ihrem geballten Fachwissen. Dazu der Dozent:

  • «Machen Sie sich keine Sorgen. Wir finden schon ein Thema, dass zu Ihnen passt. Vorerst möchte ich aber einen Witz erzählen, der zu Ihnen passt: Ein Tschuktsche weiss nicht, ob das Wetter gut genug für die Jagd ist. Seine Frau macht ihm folgenden Vorschlag: ‹Mach du dich auf den Weg und ich gehe zum Meteorologen, der seine Station gleich nebenan hat. Von dort werde ich dich anrufen und sagen, ob das Wetter gut wird.› Der Tschuktsche ist einverstanden, schnallt sich seine Skier an und macht sich auf den Weg. Die Frau wiederum begibt sich zum Meteorologen. ‹Ivan Ivanovitsch. Wie wird das Wetter?›, fragt sie diesen. Er blickt fachkundig durch das Fenster und sagt schliesslich zufrieden: ‹Es wird sehr gut werden. Ich habe soeben ein deutliches Zeichen gesehen: Ein Tschuktsche hat sich auf den Weg zur Jagd gemacht.›