Scheusslich. Aber Pflicht.

«Nicht atmen», rief jemand. Sie hielten sich die Hände vor Nase und Mund. Der Mann aus Warschau, der Ähnlichkeit mit Trotzki hatte, entrüstete sich. Mit der Faust drohend, rief er Leo Nikolajewitsch Tolstois Worte: «Ihr befleckt eure Fahnen!», und stürzte zu Boden.
Das Licht erlosch. 

Es ist dies eine der vielen beklemmenden Szenen aus dem zugleich grossartigen wie furchtbaren Roman «Wolke und Walzer» von Ferdinand Peroutka (1895—1978).

41963956z1947 als Drama uraufgeführt war «Wolke und Walzer» eine der ersten unmittelbaren literarischen Auseinandersetzungen mit dem nationalsozialistischen Terror. Die Handlung beginnt im Prag von 1939 – Hitlers von den europäischen Staaten geduldete Machtübernahme in der Tschechoslowakei steht kurz bevor. Sie endet 1945 mit der Vertreibung der Deutschen aus der Stadt. Dazwischen viele Episoden wie die obige – die letzten Momente in der Gaskammer.

Seit 2015 liegt das Werk im Berliner Elfenbein Verlag wieder auf. Es ist ein scheussliches Buch; man muss es gelesen haben. Mit Blick auf die zunehmenden totalitären Entwicklungen in etlichen Staaten auf allen Kontinenten ist es geradezu zur Pflichtlektüre eines jeden demokratisch gesinnten Menschen geworden.

Verschwundenes Land. Verwundete Seele.

Goran Vojnović: Vaters Land. Roman. Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof. 256 S.

Was, wenn der geliebte Vater im Krieg gar nicht gefallen ist? Was, wenn er sich irgendwo versteckt? Was, wenn der längst erwachsene Sohn das Bild seines Erzeugers komplett revidieren muss? Was, wenn dieser unsägliche Gräueltaten begangen hat? Auf diesen Fragen baut der Roman «Vaters Land» des slowenischen Filmemachers und Autors Goran Vojnović auf. So viel vorweg: Dem 1980 in Ljubljana geborenen Künstler ist ein grossartiges Stück Belletristik gelungen. Eines, das sich bald bitterernst, bald hochkomisch der Geschichte von Jugoslawiens Zerfall annimmt.

Elf Jahre alt ist Vladan Borojević, als er in Kroatien zusammen mit seiner slowenischen Mutter und dem serbischen Vater einen Lastwagen der Jugoslawischen Volksarmee besteigt – gelenkt von einem kosovo-albanischen Soldaten. Dieser bringt die Familie nach Belgrad, der Hauptstadt eines auseinanderbrechenden Staates. Hier soll der Vater – Berufsoffizier der JVA – auf weitere Befehle warten. Hier sieht ihn der Sohn zum letzten Mal. Dann die Nachricht, Oberst Borojević sei in Kroatien umgekommen, im heroischen Kampf für die Heimat. Fortan verbringt Vladan sein Leben mit einer restlos überforderten Mutter – zu sehr mit sich und dem Verlust des Mannes beschäftigt, um sich auch noch um die Fragen des Kleinen kümmern zu können.

Jahre später googelt der Sohn – mittlerweile rast- und orientierungsloser Student – den Namen seines Vaters. Der soll nicht tot sein, findet er in den Tiefen des Internets heraus, sondern ein flüchtiger Kriegsverbrecher; verfolgt vom internationalen Tribunal, geschützt vom lokalen Geheimdienst und alten Freunden. Vladan begibt sich auf die Suche.

Goran Vojnović gelingt es, die komplexe Materie des auseinanderbrechenden Vielvölkerstaates anhand einer menschlichen und hochsensiblen Geschichte zu erzählen. Jener des Jungens, der sein Land liebte und den aufkeimenden Nationalismus nicht zu verstehen vermochte; des jungen Mannes, dessen Leben und Familie zusammen mit der Heimat zerbrochen waren.

Selbst wenn es mitunter gewisse Vorkenntnisse über den einstigen Tito-Staat voraussetzt, ist das Buch auch Nicht-Jugonostalgikern wärmstens zu empfehlen. Nicht zuletzt wegen des herrlichen schwarzen Humors. Aber auch wegen der sorgfältigen Skizzierung von Vladans verwundeter Seele; und einer traumhaften Liebesgeschichte, die in der Handlung mitfliesst.

Ein Auszug aus «Vaters Land» hat es ob seiner Romantik in unsere Liebesgeschichten für den eiligen Leser geschafft.

Das Elend vor der eigenen Haustür

PlatzspitzbabyNachdem der obligate Kanon des Studiums abgearbeitet ist, können wir uns wieder persönlichen Lesewünschen widmen. Das aktuelle Buch indessen ist nicht wirklich ein Wunsch. Eher eine Pflicht, denn es ist zu brutal, zu sehr stellt es das Elend vor der eigenen Haustür dar.

In «Platzspitzbaby» schildert Michelle Halbheer, Tochter einer Schwerstabhängigen, ihr scheussliches Heranwachsen im Kreis von halbtoten, permanent zugedröhnten Menschen. Was sie erzählt ist schwer erträglich. Wäre da nicht das mehr oder minder versöhnliche Ende: Trotz allem hat sie überlebt – was ob der täglichen Katastrophen alles andere als selbstverständlich ist –, konnte gar eine Lehre absolvieren. Selbst in die Casting-Show Musicstar hat sie es geschafft. Über deren Qualität lässt ich streiten. Immerhin aber zeigt diese Tatsache, dass die junge Frau nicht aufgegeben hat.

Versagen der Kontrollorgane
Offenbar ist es ihr gelungen, dem Elend zu entgehen – so gut dies halt möglich war. Doch der Weg war hart. Und hier liegt die wohl schockierendste Erkenntnis der Lektüre. Das Buch zeigt gnadenlos auf, wie sehr der Staat versagt hat. Immer und immer wieder zogen herbeigerufene Polizisten unvollendeter Dinge ab und überliessen die Tochter ihrem Schicksal. Immer und immer wieder gelang es der Mutter, kontrollierende Behörden zu täuschen und davon zu überzeugen, wie gut sie sich um ihre Tochter kümmere. Stattdessen stand diese in der Hierarchie weit unterhalb der täglich benötigten Drogen.

Die von der Journalistin Franziska K. Müller niedergeschriebene Geschichte gibt vorab die Meinung Halbheers dar. Ein paar ihr nahestehende Menschen kommen ebenfalls zu Wort, nicht aber offizielle Stellen. Sie können sich nicht zu den massiven Vorwürfen äussern. Zudem ist wiederholt die Kritik zu lesen, dass sich Frauenrechtsorganisationen einseitig für die Mutter einsetzen und der verzweifelte Vater immer wieder den Kürzeren zog. Auch hier sind keine Stellungnahmen der anderen Seite zu finden.

Der Makel der Einseitigkeit bleibt während der ganzen Lektüre bestehen. Indes dokumentiert das Buch damit, wie sehr sich die junge Frau in Stich gelassen fühlte. Wer so viel erlebt hat, darf seine Sicht aufzeigen und anklagen – um so hoffentlich Diskussionen anzuregen.

Ein beklemmendes und gleichwohl lesenswertes Buch.

Halbheer, Michelle: Platzspitzbaby. Meine Mutter, ihre Drogen und ich. Wörterseh Verlag, 2013. 224 Seiten.

Neo-Proletarischer Köter

BulgakovAls Lektüre für die kommenden kühlen Herbsttage empfehlen wir wärmstens Michail Bulgakovs Novelle «Das hündische Herz». Der russische Autor hatte sie im Jahr 1925 verfasst. Nun liegt der Text in einer neuen deutschen Übersetzung vor – meisterlich umgesetzt von Alexander Nitzberg.

Lumpi ist ein Strassenköter allerübelster Sorte. Bettelnd streicht er durch die Strassen Moskaus; mal hat er Erfolg, mal nicht. Im schlimmsten Fall wird er – wie jüngst geschehen – mit heissem Wasser verbrüht. Doch ehe sich die verlauste Töle versieht, befindet sie sich in der eleganten Wohnung von Professor Filip Filippowitsch Preobraschenski. Der Wissenschafter hat Grosses vor: Zusammen mit seinem Assistenten Iwan Arnoldowitsch Bormenthal päppelt er Lumpi auf, um ihm anschliessend  Hirnanhangdrüse, Hoden und Samenleiter eines verstorbenen jungen Mannes einzupflanzen. Der Professor ist spezialisiert auf Verjüngungen. Die aufwändige Operation soll ihn in seiner Forschung einen Schritt weiter bringen.

Doch es kommt anders, in jenem Winter der Jahre 1924/1925. Statt verjüngt zu werden, beginnt der Hund unangenehm zu menscheln. Fortan geht er auf zwei Beinen, fängt an zu reden – wobei er sich eines nicht eben eleganten Vokabulars bedient – und spricht dem Alkohol kräftig zu. Nun verkehrt er in Kreisen der durch die Revolution nach oben gespülten kommunistischen Kader, will Polygraph Polygraphowitsch Lumpikov genannt werden und liest Engels – freilich ohne viel zu verstehen. Ein unsympathischer Kerl ist er geworden. Sehr zum Ärger von Professor Preobraschenski. In der bürgerlichen Wohnung folgt ein Tumult dem anderen.

«Eine ätzende Attacke auf unsere gegenwärtigen Verhältnisse; kommt auf keinen Fall für eine Veröffentlichung in Betracht», schrieb das einflussreiche KP-Mitglied Leo Kamenew nach seiner Lektüre. Die Zensur war mächtig: Offiziell erschein der Text in der Sowjetunion erstmals im Jahr 1987. Kamenews Abneigung ist nachvollziehbar. Die Geschichte vom Hund, der zum schmarotzerischen Proletarier mutiert, kann als spöttische Wiedergabe der Verhältnisse in der damaligen UdSSR gelesen werden.

Gerade deswegen sei die satirische Novelle so sehr empfohlen. Sie bringt wiederholt herzhaft zum Lachen und ist dennoch geistreich, mit ihrer überall anzutreffenden Kritik. Für jene, die mit den damaligen Verhältnissen in der Sowjetunion nicht vertraut sind, hat der Übersetzer ein informatives Glossar zusammengestellt. Auch ohne dieses lässt sich eines feststellen: Der neo-proletarische Köter ist keiner, den man sich in seine Wohnung wünscht.

Michail Bulgakow: Das hündische Herz. Übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Alexander Nitzberg. Galiani-Verlag, Berlin 2013. 169 Seiten.

Wärmstens empfohlene Lektüre

Die vorlesungsfreie Zeit – wie es die Studierenden nennen, die anderen sagen einfach Ferien – dauern immer noch an. Zeit, jene Bücher zu verschlingen, die während des Semesters liegen geblieben sind. Es sind einige. Derzeit ist es der Roman

Endstation Russland von Natalja Kljutscharjova (Suhrkamp nova, 2010, 179 S.)

Ein nicht nur für Liebhaber der russischen Literatur überaus lesenwertes Buch. Die junge Autorin (Jg. 1981)  ist eine begabte Geschichtenerzählerin und es gelingt ihr,  immer wieder Anlehnungen an die literarischen Grossmeister ihres Landes einzubauen. Nikita, der Held der Geschichte beispielsweise, ist mildtätig, verträumt und nicht ganz von dieser Welt. Er ist das moderne Abbild Myschkins aus Dostojevskis «Der Idiot».

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Virtuose, grotesk-komische Geschichtenerzählerin:
die russische Autorin Natalja Kljutscharjova.

«Endstation Russland» ist tragisch, solzialkritisch und klug. Es ist eine schillernde Enzyklopädie des Lebens im heutigen Russland. Das Buch ist stellenweise aber auch überaus amüsant. Nachfolgend ein paar Auszüge:

  • Eine dicke Matrone in der Metro sagt zu einem bettelnden Jungen: «Wieso bettelst du? Du bist doch schon gross! Alt genug zum Stehlen!» (S. 48)
  • «Und ziehen Sie Ihre Jeans hoch, man sieh Ihre Unterwäsche. Ich denke, das schadet Ihrem Intimleben nicht weniger als der Kapitalismus.» (S. 57)
  • Ein Mädchen in der Metro sagt zu ihrer Freundin: «Das ist kein Sex. Es ist ein Gebet. Wir schaffen es mit unseren Körpern. Eine Art archaisches Ritual, ein ekstatisches Sakrament. Das ist kein Orgasmus, verstehst du, das online-Kontakt mit Gott.» (S. 91)
  • «Bedecke wenigstens deine Blösse, meine Schöne!»
    «Pff, Schlaukopf! Spiel hier nicht den Gelehrten, ich sehe alles! In deinem Kopf ficken die Fliegen!» rief die Schöne angriffslustig. (S. 118)
  • «OLJA !» erschütterte der Brunftruf eines röhrenden Mammumts die Gegend. «Du AAS! Ich wollte doch mit dir reden wie ein Mensch!» (S. 119)
  • Links neben dem bärtigen Monarchisten ragte ein Mann in die Höhe, der aussah wie der Chef der Gewerkschaft genialer Komponisten. (S. 163)
  • Und die Melkerin Nastjona legte den Kopf in den Nacken, schirmte mit der Hand die Augen gegen die blendende Sonne ab, schaute den beiden von der Treppe des Kolchosebüros aus zu und überlegte träge, in wen von beiden sie sich verlieben sollte. (S. 177)