Machs wie Willis!

Wir haben mal wieder in der Mottenkiste gewühlt und sind auf diesen Text gestossen. Nur schon des Bildes wegen lohnt sich eine Zweitpublikation. Zum ersten Mal erschienen ist das hier leicht überarbeitete Machwerk  als «Carte Blanche»  im «Willisauer Boten» vom 14. Juni 2013.

Unterwäsche für echte Kerle

Kennen Sie Bruce Willis? In der Regel fällt der US-amerikanische Schauspieler nicht unbedingt durch geistreiche Filme auf, wohl aber durch actiongeladene. Er ist der Mann fürs Grobe. Schon so oft hat er auf der Leinwand die Welt gerettet oder ganze Heerscharen von Bösewichten dingfest gemacht. Ein echter Kerl. Glatzköpfig und muskelbepackt. Beim Showdown seiner Streifen – wenn massenhaft Kugeln und schlechte Menschen durch die Luft fliegen – sprintet er oft im weissen Unterhemd irgendjemanden hinterher oder davon. Meistens ist das Kleidungsstück dann nicht mehr ganz taufrisch, sondern blut- und ölverschmiert.

Nichts habe ich mit Willis gemein. Weder bin ich ein harter Kerl noch muskulös; statt einem Waschbrett- habe ich einen Waschbärbauch. Und schiessen kann ich auch nicht. Mitnichten ist mein Leben ein Actionfilm. Müsste ich es mit einem cineastischen Werk vergleichen, dann wohl am ehesten mit «Buchhalter Nötzli». Dennoch gibt es eine Parallele zum Leinwand-Haudegen: Auch ich trage weisse Unterhemden, auch ich bin stolz auf diesen textilen Anachronismus. In meinen Augen hat das umstrittene Stück etliche Vorteile, obwohl es als altmodisch verpönt ist und als bünzlig gilt, ja als Sextöter.

So stimme ich hier an zu einer Ode auf das Unterhemd. Überaus praktisch ist es. Denn es gibt warm – immer schön die Niere schützen, habe ich als Kind gelernt; auch Helden sollten sich daran halten. Und: Einem so nahe am Wasser gebauten wie mir – nicht in Sachen Tränen, sondern Transpiration – leistet es auch im Sommer treue Dienste. Meine Schweiss-Sammler sind zwar nicht blut- oder ölverschmiert. Aber in ihnen fühle ich mich stark. Sie sind das Refugium meiner kümmerlichen Männlichkeit. Deswegen behaupte ich, längst nicht der einzige Weisshemd-Jünger zu sein. Viele tragen sie, getrauen sich aber nicht, dazu zu stehen.

Damit muss jetzt Schluss sein. Emanzipiert euch, ihr Unterdrückten! Wider das Diktat der Modeindustrie! Trägt die hässliche Unterwäsche mit geschwollener Brust, führt euch auf wie echte Kerle. Die Welt müsst ihr nicht zwingend retten, und auch keine Ganoven einkassieren. Aber friert und schwitzt nicht. Fühlt euch wohl. So wie ganz normale Actionhelden. Wie der Willis von nebenan, wie der wilde Nötzli.

Willisauer Bote (WB), 14. Juni 2013
© David Koller, 2013

In den ewigen Jagdgründen

Buma Nathanael ist nicht mehr. Vergangene Woche ist er in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Er war ein Dackel, wie er im Buche steht: Jagdhund (ausser Dienst), verfressen, lang und dickköpfig.

Mitunter war er ziemlich unberechenbar – gleichwohl erstaunlich geduldig gegenüber Kleinkindern. In den letzten Monaten indes war er vor allem eines: sehr alt, immer schwächer und gebrechlicher. Am 15. März wurde er von seinen zunehmenden Leiden erlöst.

Am 26. Juni wäre Baiko – so der offizielle Name gemäss Hundepass (kein Witz, so etwas gibt es wirklich) – 15 geworden. Ein stolzes Alter, immerhin 105 Menschenjahre.

Wursthund Buma: Meistens hat er geschlafen, bald war er süss, bald ziemlich lästig; bisweilen wurde er unfreiwillig zum vierbeinigen Clown:

 

Auch in die Printmedien hat er es geschafft. Zuletzt am 17. August 2013 in einer «Carte Blanche» im «Willisauer Bote».

In diesem Sinne: DIP, alte Wurst (Dackel in Peace).

Dann, wenns am schönsten ist

Am 2. August 2006 hatte David Koller seinen ersten Arbeitstag beim «Willisauer Bote». Am 29. Juni 2015 fährt er zum letzten Mal in die Redaktion. Die Abschieds-«Carte Blanche» nach fast neuen Jahren, das stimmt schon ein bisschen wehmütig.

Koller nutzt die Zeilen, um reinen Tisch zu machen:

Mein Schock-Geständnis

Letzten Oktober veröffentlichte der WB zu einem Text über eine Braunviehschau ein Bild, das graue Kühe zeigte. Agrarjournalistischer Supergau! Ich gestehe: Gewachsen ist dieser kapitale Bock auf meinem Mist. Er sorgte für harsche Reaktionen. Ebenfalls keine Begeisterungsstürme löste aus, als ich 2006 in der Reportage über eine kulinarische Wanderung von «Völlerei am Bettag» geschrieben hatte. Todsünde! Das eine geschah aus mangelnder Konzentration, das andere aus jugendlichem Leichtsinn. Es sind zwei Dinge, über die ich mit Blick zurück schmunzle. Nicht mehr ums Lachen indes war mir in den Tagen um die Bluttat in Menznau. Zwar gaben wir vom Böttu alles, um Pietät zu wahren. Dennoch schämte ich mich aufrichtig für unsere Branche. Gewisse Journalisten benahmen sich fürchterlich. Jener Jungspund etwa, der einem davonfahrenden Leichenwagen nachspurtete, um ein «gutes» Foto zu schiessen. Unausstehlich!

Das war der Tiefpunkt. Fast immer aber hatte ich es toll beim WB. Vor allem wegen des Teams. Grosse Journalisten mit kleinen Marotten. So habe ich die Metamorphose eines Schreibers vom Raucher zum nikotinfreien Sportfanatiker zum Raucher miterlebt. Ein anderer kann offensichtlich nicht auf dem Bildschirm lesen und druckt deswegen jede Lappalie aus – sein Papierverbrauch ist absurd hoch. Handkehrum mutierte er quasi über Nacht zum Vegetarier, vielleicht will er damit seine miese CO2-Bilanz polieren. Eine Kollegin wiederum versucht jeden Mittag mit viel Lärm eine zerknüllte Serviette in den Abfalleimer zu werfen. Die Trefferquote der ehemaligen Handballerin liegt bei gefühlten 0,2 Prozent. Einer singt lauthals und klatscht dazu, wenn er mit der Arbeit durch ist. Wieder ein anderer hält sich mal für einen Brasilianer, mal für einen Italiener und schliesslich für einen Basler.

 Ein schmaler Grat trennt Genie und Wahnsinn. Wer beim WB tätig ist, muss offenbar ein bisschen spinnen. Vermutlich habe ich mich deswegen stets so wohl gefühlt. Dennoch ziehe ich jetzt den Schlussstrich. Nach neun Jahren in den heiligen Hallen am Willisauer Viehmarkt wechsle ich in die Kommunikation. Ein bisschen traurig ist das durchaus. Doch gehen soll man bekanntlich dann, wenns am schönsten ist. Und endlich bin ich nun eine Last los. Die dunkle Wahrheit über die grauen Kühe.

Willisauer Bote (WB), 26. Juni 2015
© David Koller, 2015

Doppelseite des Grauens

In seiner neusten «Carte Blanche» lästert David Koller über die Jet-Set-Lady Vera Dillier und ihren jungen Freund, vor allem aber über die Boulevardzeitung, die der Nation Artikel mit solchen Inhalten zumutet:

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Doppeladler, Mist und Frauenquote

Direkt über meinem Bildschirm hängen die beiden. Er, ein blonder Adonis mit muskulösen Armen und viel Haar auf Brust und Kopf. Sein Aussehen gemahnt an jenes von Titelhelden billiger Groschenromane, wie sie an Kiosken feil geboten werden. Sie steht vor ihm, auch ihr Oberkörper komplett entblöst. Die Hände des Jünglings bedecken ihre bare Brust. Auf ihrem Gesicht eine Art Lächeln – es kann auch als drohendes Fletschen interpretiert werden. Die Jet-Set-Lady Vera Dillier und ihr Liebhaber, das Ex-Model Josef (29) aus Tschechien. «Mein Alter wird er nie erfahren!», steht in dicken Lettern über dem zweiseitigen Artikel, mit dem das Boulevardblatt der Nation vor gut einem Monat an einem Sonntag die Schweiz erschreckte – inklusive Details aus dem Schlafzimmer. Auch wir von der WB-Redaktion waren belustigt und angewidert zugleich.

Längst haben die meisten die Geschichte vergessen. Ich nicht. Denn mich traf das Los der Teilzeitarbeitenden: Als ich eines Morgens ins Büro kam, hing sie dort, die Doppelseite des Grauens. Ein «Geschenk» der Arbeitskollegen. Wieder und wieder bleibt mein Blick seither daran hängen. Ich versuche, das Bild vor dem inneren Auge zu verschönern, indem ich die Dillier in ein mit Edelweissen verziertes Hemd stecke; ihren um Jahrzehnte jüngeren Toyboy in eine Doppelkopf-Adler-Flagge hülle. Immerhin gehörte seine Heimat einst zur Habsburgermonarchie, deren Wappen ein solches Tier schmückte. Dann wieder lenke ich mich mit der Frage ab, was denn das für eine Berufsbezeichnung ist – Jet-Set-Lady. Auch überlege ich mir, ob diese Profession in Zeiten wieder zur ernsthaften Option wird, in denen Frauenorganisationen gewisser Parteien eine Regierung ohne weibliche Beteiligung als annehmbar betrachten.

Ferner sinniere ich, warum es solcher Schwachsinn in den «Blick» schafft – genauso wie Tierfäkalien vor Willisauer Geschäftseingängen oder kindische Streitereien von hiesigen Schülern. Fürwahr, der Boulevard tickt anders. Uns Lokaljournalisten – mit Mist an den Schuhen, nicht im Blatt – wird er ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Letztlich entscheide ich mich zum längst überfälligen Schritt. Ob geschenkt oder nicht: Das Presseerzeugnis wandert dorthin, wo es hingehört. In den Papierkorb.

Willisauer Bote (WB), 17. April 2015
© David Koller, 2015

Faszinosum Fasnacht

Was bleibt einem anderes übrig, als über die närrischen Tage zu schreiben, wenn die «Carte Blanche» just in die fünfte Jahreszeit fällt?

Kanone, Zwiebeln und Trockeneis

IMG_5636Begeisterter Fasnächtler war ich nie. Vielleicht, weil ich als Knirps am Altishofer Umzug höllisch ob einer Kanone erschrak. Vielleicht, weil ich als Mensch mit einigermassen intaktem Musikgehör mit dem Geschränze einfach nie warm wurde. Dabei habe ich einst selber in der Nebiker Jungguuggenmusig gespielt. Nicht aus Überzeugung. Nur, weil man das als Heranwachsender eben tat; und weils dort so herrlich viel zu trinken gab.

Ein guter Göiggel war ich nie. Unzählige Anekdoten aus den närrischen Tagen habe aber auch ich in petto. Etwa die vom Kollegen, der sich verliebte. Doch dem jungen Glück stand seine notorische Untreue im Weg. Um dagegen anzukämpfen, verputzte er am Folgetag eine komplette Zwiebel. Mit der Intention, so sehr zu stinken, dass ihn keine Frau mehr küssen will. Er roch wie ein alter Drache und wurde Opfer seines eigenen Erfolgs: Alle machten einen weiten Bogen um ihn. Auch die Angebetete.

Oder die Geschichte jenes Kumpanen, der in einer Bar den Boesch gab – wie die Frau aus der Tagesschau kippte er um. Schuld war nicht etwa die Grippe, sondern eine nicht minder ansteckende Fasnachtskrankheit: der Alkohol. Der Sturz sah dramatisch aus, bald fuhr die Ambulanz vor. Dabei war der vermeintlich Kranke längst wieder am Pressen. Aus Zechprellen indes wurde nichts: Ein paar Wochen später flatterte eine saftige Rechnung ins Haus.

Oder die Tragödie mit jener Schönen aus meinem Dorf: Vor Jahren hatte sie mir das Herz gebrochen. An einem Ball sahen wir uns wieder. Zufällig. Viel Wasser war seither die Wigger heruntergeflossen. Wieder loderte das Feuer. Um uns tobten und tanzten sie, wir hatten nur Augen für uns. Einige Wochen später brach sie mir das Herz abermals.

Oder als wir Jungs aus irgendeinem dekorativen Grund einen Kübel Trockeneis nach Schötz schleppten. Tief in der Nacht machte einer auf Putin. Er – pardon! – pisste auf Konventionen und entleerte seine vom Bierkonsum malträtierte Blase in besagten Kübel. Später wollte eine Närrin mit dem Trockeneis spielen. Wir waren schlicht zu schwach, sie zu warnen.

Faszinosum Fasnacht. Jeder hat solche Anekdoten auf Lager. Selbst Muffel wie ich. Doch irgendwann reicht das Repertoire. Darum bleibe ich auch heuer zu Hause. Die meisten Geschichten sind eh zum Vergessen.

Willisauer Bote (WB), 13. Februar 2015
© David Koller, 2015