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Das Elend vor der eigenen Haustür

PlatzspitzbabyNachdem der obligate Kanon des Studiums abgearbeitet ist, können wir uns wieder persönlichen Lesewünschen widmen. Das aktuelle Buch indessen ist nicht wirklich ein Wunsch. Eher eine Pflicht, denn es ist zu brutal, zu sehr stellt es das Elend vor der eigenen Haustür dar.

In «Platzspitzbaby» schildert Michelle Halbheer, Tochter einer Schwerstabhängigen, ihr scheussliches Heranwachsen im Kreis von halbtoten, permanent zugedröhnten Menschen. Was sie erzählt ist schwer erträglich. Wäre da nicht das mehr oder minder versöhnliche Ende: Trotz allem hat sie überlebt – was ob der täglichen Katastrophen alles andere als selbstverständlich ist –, konnte gar eine Lehre absolvieren. Selbst in die Casting-Show Musicstar hat sie es geschafft. Über deren Qualität lässt ich streiten. Immerhin aber zeigt diese Tatsache, dass die junge Frau nicht aufgegeben hat.

Versagen der Kontrollorgane
Offenbar ist es ihr gelungen, dem Elend zu entgehen – so gut dies halt möglich war. Doch der Weg war hart. Und hier liegt die wohl schockierendste Erkenntnis der Lektüre. Das Buch zeigt gnadenlos auf, wie sehr der Staat versagt hat. Immer und immer wieder zogen herbeigerufene Polizisten unvollendeter Dinge ab und überliessen die Tochter ihrem Schicksal. Immer und immer wieder gelang es der Mutter, kontrollierende Behörden zu täuschen und davon zu überzeugen, wie gut sie sich um ihre Tochter kümmere. Stattdessen stand diese in der Hierarchie weit unterhalb der täglich benötigten Drogen.

Die von der Journalistin Franziska K. Müller niedergeschriebene Geschichte gibt vorab die Meinung Halbheers dar. Ein paar ihr nahestehende Menschen kommen ebenfalls zu Wort, nicht aber offizielle Stellen. Sie können sich nicht zu den massiven Vorwürfen äussern. Zudem ist wiederholt die Kritik zu lesen, dass sich Frauenrechtsorganisationen einseitig für die Mutter einsetzen und der verzweifelte Vater immer wieder den Kürzeren zog. Auch hier sind keine Stellungnahmen der anderen Seite zu finden.

Der Makel der Einseitigkeit bleibt während der ganzen Lektüre bestehen. Indes dokumentiert das Buch damit, wie sehr sich die junge Frau in Stich gelassen fühlte. Wer so viel erlebt hat, darf seine Sicht aufzeigen und anklagen – um so hoffentlich Diskussionen anzuregen.

Ein beklemmendes und gleichwohl lesenswertes Buch.

Halbheer, Michelle: Platzspitzbaby. Meine Mutter, ihre Drogen und ich. Wörterseh Verlag, 2013. 224 Seiten.