Hinterländer und Europa

Im Rahmen der Sommerserie «Weltreise» des «Willisauer Bote» (WB) veröffentlicht der für die Ausgabe verantwortliche Redaktor auf der Front eine Glosse. Sie trägt den Titel «Mann von Welt» bzw. «Frau von Welt». David Koller schrieb über das Verhältnis des Luzerner Hinterlandes zu Europa.

Rotes Tuch blaue Flagge

In Kottwil gibt es einen Europaplatz. Eine solche Flurbezeichnung überrascht in hiesigen Breitengraden. Denn Europa – oder besser: die Europäische Union – ist dem Hinterland nicht eben liebstes Kind. Geradezu ein rotes Tuch ist die blaue Flagge mit den zwölf goldenen Sternen vielerorts. Auch in Kottwil lässt sich der Eindruck nicht aus der Welt schaffen, dass der Platz nicht nur wegen seiner peripheren Lage oben im «Kidli» etwas verwaist ist. Als ob man sich seiner schämen würde. Dabei war die Namenswahl doch visionär. Und passend. Zumal ein Mann das Bürgerrecht der heute mit Ettiswil fusionierten Gemeinde besass, der Europa gegenüber überaus freundlich gesinnt ist: Der ehemalige Schweizer Aussenminister René Felber.

Begeistert nahm ich mich im Rahmen der Sommerserie dieses Platzes an. Ich, der in der EU trotz zweifelsohne vorhandener Schwächen ein grosses Konstrukt sieht. Eines, dem es gelang, Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg zu befrieden. Nun sorgt die Union auf der Balkanhalbinsel für Ähnliches: Einstige Feinde nähern sich einander an. Diese Leistung missachten viele. Vor allem dann, wenn sie eigene Pfründe in Gefahr sehen.

Doch oben auf dem Europaplatz stellte sich rasch heraus: Ich stand allein auf weiter Flur.

Willisauer Bote (WB), 29. Juli 2014
© David Koller, 2014

Balkan- und Akademiker-Vorurteile

Auf dem Korruptionsindex von Transparency International nimmt Bosnien-Herzegowina Rang 72 von 176 ein. Zum Vergleich: Italien ist punktgleich, Griechenland die Nummer 94 und Russland die 133. Angeführt wird die Liste von Dänemark, Finnland und Neuseeland. Die Schweiz steht an sechster Stelle, Schlusslicht ist Somalia.

Bosnien rangiert folglich im Mittelfeld. Dennoch zählt Korruption zu den vielen grossen Problemen des Landes. In ihrem Fortschrittsbericht für das Jahr 2012 attestiert die EU zwar eine leichte Verbesserung, erachtet die illegalen Transaktionen aber nach wie vor als besonders mächtigen Stolperstein auf dem Weg nach Europa – mitverantwortlich für den politischen und wirtschaftlichen Stillstand.

Metapher für den Stillstand: Ein zu ernst genommenes Busstop-Signal unweit von Gacko. Das Sujet entstand wahrscheinlich nicht während des Kriegs. Denn die Stadt blieb zwischen 1992 und 1995 von Kampfhandlungen mehrheitlich verschont.

Praxiserfahrung in Korruption
Bei seinem jüngsten Aufenthalt auf dem Balkan erfuhr David Koller am eigenen Leib, wie Korruption in der Praxis funktioniert. Anlässlich dieses Lehrstücks wurde gleich eine ganze Reihe von Balkan-Stereotypen erfüllt:

Auf der Fahrt durch die Republika Srpska (einer der beiden durch den Friedensvertrag von Dayton geschaffenen Entitäten Bosnien-Herzegowinas) winkte ein Polizist das Mietauto unseres Jugo-Freundes heraus. Der Gast sei zu schnell unterwegs gewesen, verkündete der Ordnungshüter: Statt der erlaubten 50 Stundenkilometern habe das Radargerät deren 65 gemessen.

Im Nachhinein und in Abwesenheit von Beamten stellt der Angeklagte nicht in Abrede, dass er an vielen Orten zu zügig unterwegs war – ein regelrechter Helvetia-Raser auf dem Balkan war er. Doch an besagter Stelle achtete er peinlich genau auf den Tachometer. Denn der Ordnungshüter hatte sich nicht die Mühe genommen, sich und sein Auto zu tarnen; vielmehr stand er auf offenem Feld direkt am Strassenrand, schon aus der Ferne gut ersichtlich. Zudem wurde Herr Koller am Vortag an der genau gleichen Stelle von einem Kollegen des Diensttuenden kontrolliert. Der freilich hatte sich von der korrekten Seite gezeigt, wollte nur das Ziel der Reise wissen und wünschte daraufhin gute Weiterfahrt.

Nicht so der strenge Hüter der Geschwindigkeit. Indes war er ordentlich überrascht darüber, dass der Angesprochene seine Worte verstand und erst noch in seiner Sprache antwortete. An der Busse von 20 Euro hielt der Beamte gleichwohl fest. Notabene: Bosnien besitzt als Währung die Konvertible Mark, nicht jene der Europäischen Union.

Die Verhandlungen plätscherten vor sich hin. Mal wollte man sich verstehen, mal nicht. Irgendwann gab der ordentlich beleibte und – trotz nur 20 Grad – heftig schwitzende Gesetzeswächter entnervt auf. Statt den Euros wollte er jetzt nur noch zwei Zigaretten. Quasi als Bearbeitungsgebühr. Dann liess er das Mietauto weiterziehen.

Blick über das Gatačko Polje, eine Hochebene in der Republika Srpska. In unmittelbarer Nähe fand das Intermezzo mit dem schwitzenden Gesetzeshüter statt.

Praxiserfahrung im Elfenbeinturm
Wo wir schon bei berechtigten und unberechtigten Vorurteilen sind. Am 2. und 3. Mai nahm David Koller an einer Tagung für Doktorierende und Masterstudierende der Osteuropäischen Geschichte teil. Dabei erhielt er Einblick in den akademischen Elfenbeinturm – säuberlich getarnt als Wellness-Hotel im Schwarzwald.

Neben vielen interessanten Kontakten und wertvollen Hinweisen für sein laufendes Forschungsprojekt nahm Herr Koller mit auf den Weg, dass einige der angereisten Vertreter der Lehrstühle von Tübingen, Konstanz, Freiburg im Breisgau und Basel durchaus geeignet sind, die vielfältigen Stereotype über Akademiker zu bestätigen.

Welche das waren, wollen wir der Phantasie unserer sehr geschätzten Leser überlassen. So viel sei jedoch verraten: korrupt war niemand.

Inneres Feuer des Widerstandes

Im Rahmen der Recherche für einen Artikel zum 20-jährigen Bestehen der SVP Luzern sind wir in der Festschrift der Partei auf eine Stilblüte gestossen, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten möchten. Es geht um die Zeit, als die Gründung in Angriff genommen wurde:

«Im Zuge der anstehenden EWR-Abstimmung, die auch im luzernischen bei zahllosen vaterlandstreuen Bürgern das innere Feuer des Widerstandes entfachte, bahnte sich ein mittleres politisches Erdbeben an.»

Grossartig! Solche pathosgeschwängerten Sätze sind Selbstläufer. Man braucht sie schlicht nur zu zitierten, ein Kommentar erübrigt sich.

Besagtes inneres Feuer brennt bis heute, die Hitzköpfe haben noch immer keine Ruhe gegeben. Rüstet sie mit Hellebraden aus und sie ziehen los, um es denen in Brüssel ein für alle Mal zu zeigen.

Schettino is everywhere

Funchal, Hauptstadt der portugiesischen Atlantikinsel Madeira. Fast täglich machen sie im Hafen halt, die riesigen Kreuzfahrtschiffe. Bis vor einem Monat hätte man wohl geschrieben, sie lägen majestätisch im Hafen.

Heute ist alles anders. Die einst so stolzen schwimmenden Luxushotels haben viel von ihrem Glanz verloren. Verantwortlich dafür ist Francesco Schettino, Kapitän der «Costa Concordia». Vor der Havarie himmelten ihn seine Passagierinnen an, seine Passagiere begegneten ihm mit Ehrfurcht. Tempi passati. Aus einem ganzen Kerl wurde eine Witzfigur.

Plötzlich ist die Verlockung gross, im Hafen schadenfreudig mit einem Transparent mit der Aufschrift «Schettino is everywhere» auf die Passagiere zu warten, die eine Stange Geld für die Reise ausgegeben haben und ihre Ferien wohl vor einigen Wochen noch mehr hätten geniessen können.

Schettino wurde zum Anti-Sully. Während es Chesley Sullenberger im Januar 2009 schaffte, einen antriebslosen Airliner sicher auf dem Hudson zu wassern und dadurch all seinen Passagieren das Leben zu retten, versaute es der Itailiener drei Jahre später gehörig. Er, das Sinnbild des südländischen Machos, hat mit seinem Handeln Menschen getötet, eine Unmenge Geld vernichtet und den Glamour der Kreuzfahrtschiffe ruiniert. Zu betrachten gibt es sein Werk hier.

Der Italiener hat gravierende Fehler gemacht, das ist unumstritten. Gleichwohl wird man den Verdacht nicht los, dass er jetzt als Sündenbock herhalten muss. Eine Industrie, die nach aussen glänzt, hinter den Kulissen aber längst nicht immer mit lauteren Mittel arbeitet – Stichwort Arbeitsbedingungen und Entlöhnung des Hilfspersonals – will sich reinwaschen indem sie Schettino vorführt.

Trotzdem: auch wenn er zum Sündenbock stilisiert wird, wird Schettino unfreiwillig auch zur Ikone all jener, deren Auftreten mehr Schein als Sein birgt. Wie gerne fallen wir doch immer wieder darauf herein.

Gerade auf Madeira ist diese Welt der glänzenden Kulissen omnipräsent. Über Jahre wurde auf der Insel mit Bauwerken geklotzt. Die Verlängerung der Piste auf dem Flughafen machte diesen sicherer. Gleichzeitig ist sie aber auch eines der teuersten und aufwändigsten Bauwerke, dass in Portugal je realisiert wurde. Die unzähligen Tunnels wiederum, welche die Insel säumen, erscheinen mitunter schon ziemlich überdimensioniert und fehlplatziert. Sinnbild dafür ist dieses Bauwerk, dass zu einem Leuchtturm an der Westküste führt.

Die Strasse wird täglich im besten Fall von 100 Touristenautos frequentiert. Und gleichwohl baute man im Tagbau einen Tunnel. Wieso der bisherige Weg nicht mehr ausreichte, bleibt ein Rätsel.

Aber jetzt ist genug. Schettino hat den Ruf seiner Industrie ruiniert und die EU hat Portugal unmissverständlich klar gemacht, dass Sparen angesagt ist. Nicht zuletzt auf Madeira, das zu den am höchsten verschuldeten Regionen des Landes zählt.

Wir kommen dadurch zum letztlich reichlich banalen Schluss, dass es mitunter einen Schettino braucht, der uns die Realität vor Augen führt – oder einen mahnend den Rotstift erhebenden Politiker. Oder ganz einfach, dass weniger Glanz mitunter mehr ist. Sei es auf den Weltmeeren, in Portugal oder Griechenland, am Arbeitsplatz oder auf der Strasse: Potemkinsche Dörfer gibt es überall.