Schlagwörter: Fasnacht

Entscheidungshilfe aus Deutschland

Zwar ist diese Entscheidungshilfe auf Deutschland ausgerichtet, in der Schweiz anwenden lässt sie sich gleichwohl:

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Die Unterschiede: Statt der Pegidisten brächten wir die SVPler in Heimen unter, gehetzt würde bei uns gegen Richter, die «Classe Politique» sowie Geisteswissenschafter und anstelle Ostdeutschlands würde das Entlebuch aussterben – oder eben doch nicht.

In Sachen Grabschen schliesslich wären die (Inner)Schweizer an der Fasnacht wieder unter sich.

PS: Einmal mehr herzlichen Dank, liebe «Heute Show», für diese bitterböse Satire.

Faszinosum Fasnacht

Was bleibt einem anderes übrig, als über die närrischen Tage zu schreiben, wenn die «Carte Blanche» just in die fünfte Jahreszeit fällt?

Kanone, Zwiebeln und Trockeneis

IMG_5636Begeisterter Fasnächtler war ich nie. Vielleicht, weil ich als Knirps am Altishofer Umzug höllisch ob einer Kanone erschrak. Vielleicht, weil ich als Mensch mit einigermassen intaktem Musikgehör mit dem Geschränze einfach nie warm wurde. Dabei habe ich einst selber in der Nebiker Jungguuggenmusig gespielt. Nicht aus Überzeugung. Nur, weil man das als Heranwachsender eben tat; und weils dort so herrlich viel zu trinken gab.

Ein guter Göiggel war ich nie. Unzählige Anekdoten aus den närrischen Tagen habe aber auch ich in petto. Etwa die vom Kollegen, der sich verliebte. Doch dem jungen Glück stand seine notorische Untreue im Weg. Um dagegen anzukämpfen, verputzte er am Folgetag eine komplette Zwiebel. Mit der Intention, so sehr zu stinken, dass ihn keine Frau mehr küssen will. Er roch wie ein alter Drache und wurde Opfer seines eigenen Erfolgs: Alle machten einen weiten Bogen um ihn. Auch die Angebetete.

Oder die Geschichte jenes Kumpanen, der in einer Bar den Boesch gab – wie die Frau aus der Tagesschau kippte er um. Schuld war nicht etwa die Grippe, sondern eine nicht minder ansteckende Fasnachtskrankheit: der Alkohol. Der Sturz sah dramatisch aus, bald fuhr die Ambulanz vor. Dabei war der vermeintlich Kranke längst wieder am Pressen. Aus Zechprellen indes wurde nichts: Ein paar Wochen später flatterte eine saftige Rechnung ins Haus.

Oder die Tragödie mit jener Schönen aus meinem Dorf: Vor Jahren hatte sie mir das Herz gebrochen. An einem Ball sahen wir uns wieder. Zufällig. Viel Wasser war seither die Wigger heruntergeflossen. Wieder loderte das Feuer. Um uns tobten und tanzten sie, wir hatten nur Augen für uns. Einige Wochen später brach sie mir das Herz abermals.

Oder als wir Jungs aus irgendeinem dekorativen Grund einen Kübel Trockeneis nach Schötz schleppten. Tief in der Nacht machte einer auf Putin. Er – pardon! – pisste auf Konventionen und entleerte seine vom Bierkonsum malträtierte Blase in besagten Kübel. Später wollte eine Närrin mit dem Trockeneis spielen. Wir waren schlicht zu schwach, sie zu warnen.

Faszinosum Fasnacht. Jeder hat solche Anekdoten auf Lager. Selbst Muffel wie ich. Doch irgendwann reicht das Repertoire. Darum bleibe ich auch heuer zu Hause. Die meisten Geschichten sind eh zum Vergessen.

Willisauer Bote (WB), 13. Februar 2015
© David Koller, 2015

Menznau – Ein Jahr danach

Am 27. Februar 2013 geschah in Menznau im Luzerner Hinterland das Unfassbare. Ein Amoklauf im Holzverarbeitungsbetrieb Kronospan kostete fünf Menschen das Leben. Eine ganze Region versank im kollektiven Trauma.

Bei David Koller löste die Schreckenstat überdies eine der grössten beruflichen Sinneskrisen aus. Denn was sich ein Teil der Journalisten im und um das 3000-Seelen-Dorf leistete, war jenseits von Gut und Böse – insbesondere Boulevardmedien und Lokal-Fernsehen fielen negativ auf. Ziel des nachfolgenden Textes war es aufzuzeigen, dass es auch anders geht.

Erinnerung an grosses Unglück

Menznau Mit dem ersten Jahrestag der Kronospan-Tragödie kehren viele Bilder zurück. Auch bei Pfarreileiter Markus Kuhn

Gedämpftes Licht, Kerzen, Musik. Zum ersten Mal wirklich bewusst wurde es ihm zu Beginn der Fastenwoche. Es war im Pfarreizentrum Menznau. In einer Besinnungsstunde lag Markus Kuhn zusammen mit Gemeindeangehörigen zum In-Sich-Gehen auf dem Rücken. «Da hatte ich erstmals Zeit, um nur für mich da zu sein.» Der Prozess des Realisierens begann. Darüber, was sich in den letzten Tagen abgespielt hatte. «Emotionen kamen auf. Trauer. Aber keine Wut. Nie.» Vorher habe er einfach funktioniert. Seine Aufgaben erledigt. Jetzt kamen die Gefühle.

Die Tragödie von Menznau – auch der Pfarreileiter wird sie stets in Erinnerung behalten. So wie die ganze Schweiz. «Seit dem 27. Februar 2013 muss ich niemandem mehr erklären, wo ich arbeite.» Vorher war Menznau für viele ein weisser Fleck auf der mentalen Landkarte. Kuhn beschrieb seinen Arbeitsort – hier ist er seit Herbst 2009 tätig – jeweils als «Gemeinde zwischen Willisau und Wolhusen». Eine Erklärung, die sich heute erübrigt. Eine Bekanntheit, auf die alle gerne verzichten würden.

Unaufhörliches Sirenengeheul

Der schwarze Mittwoch begann als normaler Arbeitstag in einer hektischen Woche. Organisatorisches für den Eltern-Kinder-Tag im Rahmen der Erstkommunion war zu erledigen, eine Beerdigung stand an. An jenem Morgen war Markus Kuhn in die Vorbereitung einer Taufe vertieft. Dann wurde die Routine unterbrochen vom anschwellenden und nicht mehr enden wollenden Sirenengeheul der Rettungswagen. Wie alle Menznauerinnen und Menznauer ahnte der Pfarreileiter, dass da etwas Schlimmes passiert sein musste. Etwas sehr Schlimmes. Später klingelte das Telefon. Aus der Vermutung wurde Gewissheit. Ausnahmesituation, auch im Pfarramt.

Kronospan-Kuhn

Markus Kuhn an der neuen Gedenkstätte. Die Tonscherben stammen aus der Andacht, die am Freitag nach der Tat in der Pfarrkirche Menznau stattfand. (Foto David Koller)

Für die direkte Betreuung der Angehörigen war ein Careteam nach Menznau gereist. Markus Kuhn war in den ersten Tagen vor allem mit organisatorischen Angelegenheiten beschäftigt. Und der Vorbereitung auf die Andachten vom Donnerstag in Willisau sowie vom Freitag in Menznau. Nachdem die Betreuungsprofis ihre erste Arbeit erledigt hatten, trat Kuhn in ihre Fussstapfen und traf sich mit allen Angehörigen seiner Gemeinde, denen Menschen entrissen worden waren.

Stille nach dem Gottesdienst

«Ein paar Minuten haben unsere heile Welt zerstört», sagte Mauro Capozzo, CEO der Kronospan, am Tag nach der Tat am ökumenischen Wortgottesdienst in Willisau. In Menznau war diese Zerstörung unübersehbar. «Die Gemeinde kam mir vor wie ein Ort unter einer grossen Glocke. Alles war gedämpft. Alle waren wie erschlagen», erinnert sich Kuhn. Die Betroffenheit war allgegenwärtig. Zu spüren war dies insbesondere nach der Andacht in der voll besetzten Pfarrkirche. «Die Leute traten hinaus, wollten aber nicht weggehen.» Schweigend verharrten sie auf dem Platz vor dem Gotteshaus. Eine ungewohnte Ruhe herrschte. Fassungslosigkeit.

Zu Beginn der Gedenknacht hatten alle Besucher eine Tonscherbe erhalten. In ihrer Menge sollten diese ausdrücken, wie viel in der Gemeinde zerbrochen war. Nun sind die Scherben Teil der Gedenkstätte geworden, die oberhalb des Kronospan-Firmengeländes entstanden ist und am 27. Februar von Markus Kuhn eingeweiht wird. Hier werden sie noch lange an das gros­se Unglück erinnern, das über Menznau hereinbrach.

Trauern an der Fasnacht

Die Tat geschah am 27. Februar 2013. Heuer fällt dieses Datum auf den Schmutzigen Donnerstag. Auf den ersten Blick ein unglücklicher Zufall. Markus Kuhn relativiert. «Fasnacht hat etwas Heilsames.» Sie sei Zeichen dafür, dass es trotz aller Schmerzen weitergehe. «Trauriges und Fröhliches gehören gleichsam zu unserem Leben.» Der Pfarreileiter schlägt vor, gemeinsam zu trauern und zu feiern. Nie habe zur Diskussion gestanden, dass dieses Jahr in Menznau keine närrischen Tage stattfinden. Allerdings werde er die Guuggenmusigen bitten, während des Glockengeläuts am Jahres­tag (siehe Kasten links) ihre Instrumente schweigen zu lassen.

Die Guugger werden sich an die Bitte halten. Weit weniger einfühlsam indessen waren vor einem Jahr die Journalisten. «Im Rückblick war der Umgang mit den Medien fast die grössere Belastung als das Ereignis selber», so Kuhn. Vor allem die gewaltige Masse aus allen Herren Ländern habe zugesetzt. «Persönlich wurde ich aber immer gut behandelt.» Selbst von jener Schweizer Zeitung, deren Titel aus fünf weissen Lettern auf rotem Grund besteht. Gerade deren Mitarbeitende fielen in Menznau beileibe nicht nur positiv auf.

Rückkehr zur Ruhe

Nun ist der Medienpulk noch einmal ins Dorf zurückgekehrt. Und damit die Unruhe. Gegenpol dazu soll die «Nacht der Trauer und der Hoffnung» werden. Sie findet am 5. März statt, am Aschermittwoch. Das Angebot richtet sich an Menschen, die jemanden verloren haben. In verschiedenen Workshops besteht die Möglichkeit, sich mit der Trennung zu beschäftigen – sei es ein Todesfall oder das Ende einer Liebe. «Die Idee dazu hatte ich vor dem Ereignis in der Kronospan», so Markus Kuhn. Nun dient sie dazu, Ruhe und Normalität nach Menznau zurückzubringen. Sie war schon einmal da. «Irgendwann im Übergang vom Frühling zum Sommer nahm die Bedrücktheit ab.»

Der erste Jahrestag stellt das Dorf abermals auf die Probe. Danach wird wieder Stille einkehren. Die Scherben werden bleiben. Oben an der Gedenkstätte. Und in der Erinnerung der Betroffenen.

Willisauer Bote (WB), 25. Februar 2014
© David Koller, 2014