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Von Steuerrädern, Jets und Besserwissern

Zweifelsohne ist es in Anbetracht der Tragik solcher Unfälle kleinlich. Gleichwohl wollen wir jetzt stänkern, über populäre und stetig wiederkehrende Fehlleistungen von Medien im Zusammenhang mit Flugzeug- und Eisenbahnunfällen.

Ein kleiner Auszug:

  • Eine Lokomotive fährt auf Schienen und braucht kein Steuerrad. Folglich sitzt nie jemand am Steuer eines Zuges.
  • Im Cockpit der allermeisten Verkehrsflugzeuge arbeiten zwei Personen. Nicht der Pilot versuchte notzulanden, sondern die Piloten.
  • Die Untersuchung von Abstürzen ist komplex und dauert im Idealfall Monate, kann aber auch Jahre in Anspruch nehmen. Noch am Unfalltag zu schreiben, die Ermittler würden über die Ursache im Dunkeln tappen, erübrigt sich in jedem Fall.
  • Wenn ein Triebwerk ausfällt, ist das noch lange keine Beinahe-Katastrophe; wenn bei der Landung ein Reifen platzt, noch viel weniger.
  • Ein Flugzeug mit Propellern ist nicht zwingend alt.
  • Ein Flugzeug mit Propellern ist kein Jet.

Es gäbe noch viele solcher populärer Irrtümer. Aber wir wollen es nicht übertreiben mit der Kleinlichkeit und dem Besserwissertum.

Türen raus!

Im Beitrag vom 10. Oktober haben wir uns über die simplen, teils hochgradig xenophobischen Weltanschauungen gewisser Kommentar-Schreiber auf der Webseite des «Blick» enerviert.

Doch warum immer schimpfen? Nun wollen wir uns bedanken. Denn ein Kommentar hat uns das Leben versüsst.

Folgendes: Der Privatjet, in dem «U2»-Sänger Bono unterwegs war, verlor während des Flugs die Tür des Frachtraums. Diese stürzte samt des Gepäcks – allenfalls eine Ladung geschenkter iPhones? – in die Tiefe.

«Blick» berichtete am 13. November darüber und wusste gar die Immatrikulation der Maschine: D-CGEO*. Freude bereitete uns der einzige Kommentar, den ein Leser zu diesem semi-dramatischen Vorfall verfasst hat.

Blick-Tuer

Fraglich ist, ob diese Zeilen ernst gemeint sind, oder ob deren Verfasser allenfalls Anhänger einer neo-dadaistischen Strömung ist. Interessant erscheint uns überdies, dass eine deutliche Mehrheit der Leser den Kommentar mit erhobenen Daumen bewertet hat. Offenbar gibt es in der Schweiz fast so viele Gegner von Türen, wie Gegner von Asylbewerbern.

«Türen raus!», ist man darob versucht zu skandieren.

Uns indes stellt sich eine schwerwiegende Frage: Türen verbieten – gut und recht. Doch, liebe «Blick»-Leser, wie kommt man dann in etwas rein?

* Die Immatrikulation eines Flugzeugs ist vergleichbar mit einer Autonummer. D-CGEO sagt aus, dass es sich um eine in Deutschland eingetragene Maschine handelt. Dass in der Bildlegende des online-Artikels fälschlicherweise die Immatrikulation als Teil der Typenbezeichnung (Learjet 60) angegeben wird, ist ein Detail, das einzig Aviatik-Geeks wie Herrn Koller stört und über das wir generös hinwegblicken wollen.

Wegen Zu geschlossen

Igosana.ch gönnt sich Betriebsferien. Oberschreiberling Koller fliegt wieder nach Madeira.

Uneinigkeit herrscht bei Beobachtern darüber, ob Koller die portugiesische Insel im Atlantischen Ozean wegen des Flughafens mit seinem spektakulären Endanflug…

… oder wegen der reizvollen Landschaft…

… ein zweites Mal besucht. Es gibt aber auch Leute die behaupten, er wolle sich einfach an der Wärme erholen und dabei viel lesen. Recht haben alle ein bisschen.

Crazy Constantin fliegt

Gelegentlich würde es Journalisten nicht schaden, etwas vertiefter zu recherchieren. Als Beispiel hierzu sei ein Artikel des «Blick» herangezogen.

Darin geht es um die neusten Reisegewohnheiten von FC Sion-Boss Christian «Crazy» Constantin – der Mittelnamen des fussball- und bisweilen auch sonst ziemlich verrückten Walliser Architekten stammt selbstverständlich aus der Hexenküche des Schweizer Boulevard-Riesen. Doch scheinbar nimmt CC, den die linke Wochenzeitung WOZ auch schon als «Visionär, Diktator und Fan» bezeichnete, solche Medienelobrate ziemlich gelassen. Denn unlängst liess Constantin «Blick»-Reporter Alain Kunz in seinem neusten Spielzeug mitfliegen. Einer Piaggio Avanti.

Dazu war auf blick.ch zu lesen:

Seine Augen leuchten. Sein meist grimmiger Blick weicht einem Lächeln der Entzückung. Der umtriebige, für viele verrückte Sion-Präsident steht vor seinem neuen Spielzeug, einer Piaggio Avanti P 180. Das ist nicht die neuste Vespa, sondern ein schmucker Privatjet. Christian Constantin hat die ­Propellermaschine zusammen mit Rallye-Weltmeister Sébastien Loeb gekauft. Kostenpunkt? CC liefert seine Standardantwort, wenn es um Geld geht: «Ich habe ein schlechtes Zahlengedächtnis.» (…)

Doch nun fragen wir uns etwas verwirrt: haben wir etwas verpasst? Ein Jet mit Propellern?

Nur schon ein Blick in den Duden hätte auf der Redaktion in Zürich weitergeholfen:

Jet, der, (engl), (ugs. für Düsenflugzeug)

Ein Jet mit Propellern? Eine Piaggio Avanti in Sion. Der Vogel im Hintergrund hat nachweislich keine Propeller und ist folglich ein Jet: eine F/A 18, ein Spielzeug aus der Sammlung von Verteidigungsminister Maurer.

Natürlich ist das Haarspalterei und mag dem Uninteressierten reichlich banal vorkommen. Zu Recht! Aber nur schon daran lässt sich aufzeigen, dass Journalisten gelegentlich etwas genauer arbeiten sollten – der Verfasser dieser Zeilen nimmt sich davon nicht aus. Dem Image der schreibenden Zunft würde es nicht schaden.

Zu diesem Thema sei übrigens auch ein Blick in die Foren von Aviatik-Fans empfohlen (z.B. www.flightforum.ch). Wer hier verkehrt, ist mitunter auch ordentlich crazy. Ein Besuch lohnt sich indessen, weil die Fliegerkenner meistens leidenschaftlich über «Journalistische Inkompetenz» wettern und  über vermeintliche «Schmierfinken» in Redaktionsstuben herziehen, welche die kleinste Bagatelle zur Beinahe-Katastrophe hinaufstilisieren. Die Polemiken sind oft übertrieben, lesenswert sind sie meistens; und ganz Unrecht haben sie leider nicht, die Flugzeugverrückten. Denn auch weniger boulvardeske Blätter lassen sich dann und wann zu ziemlich unseriösen Texten verleiten.

Die Moral der Geschichte: Crazy Constantin  gönnen wir sein neues Spielzeug. Und unserem technikverrückten Herrn Koller gönnen wir, dass er endlich mal wieder etwas über Flieger schreiben durfte.

Echte Kerle

Da wird sich der russische Ministerpräsident Vladimir Putin aber freuen: die Linienpiloten seines Landes tun es ihm gleich und geben sich als echte Kerle. So die Crew einer Tupolev Tu-154 der russischen Gesellschaft Alrosa.

Auf ihrem Flug von Poljarni in Jakutien nach Moskau traten im Reiseflug auf 10’000 Metern erhebliche technische Probleme auf. Die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ) spricht von «praktisch einem Totalausfall der Bordelektronik», das deutsche  Jet Airliner Crash Data Evaluation Centre (J.A.C.D.E.C) gar von einem Totalausfall. Aufgrund dieser unangenehmen Situation sanken die Piloten gemäss der NZZ auf eine tiefere Höhe, um einen Reservegenerator zur Stromerzeugung zu aktivieren – ohne Erfolg.

«Daraufhin erspähte die vierköpfige Cockpit-Besatzung dank guten Wetterverhältnissen zufällig eine Landpiste mitten im Wald.» Auf den Karten war das Flugfeld nicht mehr eingetragen, denn es ist seit Jahren ausser Betrieb. Zudem ist die Landebahn in der kleinen Ortschaft Ischma in der Teilrepublik Komi mit ihren 1400 Metern zu kurz für eine Tu-154 – vor allem, wenn diese sich wegen ausgefallener Elektronik nicht richtig für die Landung konfigurieren lässt. Dem zum Trotz setzten die vier Kerle im Cockpit nach mehreren Platzrunden zum Endanflug an. Und reüssierten: Die Maschine kam zwar erst 200 Meter nach Ende der Landebahn zum stehen, die Zelle blieb aber intakt.

Kam erst 200 Meter nach Pistenende zum Stillstand, blieb aber intakt: die Tu-154 der Alrosa. (Foto www.bnkomi.ru)

Alle 72 Passagiere und 9 Besatzungsmitglieder verliessen das Flugzeug unverletzt. Ob es nun fahrlässig war, die Maschine auf dem unbekannten Platz zu landen, oder eine Heldentat, die den Insassen das Leben rettete, wird eine Untersuchung zeigen.

Fakt ist indessen: Russland liebt Helden. Wir erinnern uns an die Bilder von Putin in einem Löschflugzeug während den verheerenden Waldbränden. Bereits sind Stimmen laut geworden, die Besatzung sei für ihr Verhalten auszuzeichnen. Gut möglich, dass sich Vladimir Putin demnächst mit cooler Pilotenbrille neben ihnen ablichten lässt.

Helden sind aber auch die russischen Flugzeuge. Die Tu-154 absolvierte ihren Erstflug 1968. Bis heute wird der Airliner in Kleinserie und – im Vergleich mit westlichen Produktionstechniken – mehr oder weniger in Handarbeit hergestellt. Einfach ist die für bis zu 180 Passagieren ausgelegte Maschine, aber quasi unkapputbar.

Fazit dieses kleinen Märchens mit Happyend: russische Piloten sind echte Kerle und ihre Maschinen haben die Qualität von Panzern.