Vom Banausen für Profis

Von Fussball hat David Koller erwiesenermassen keine Ahnung. Weil er auf dem WM-Blog Bier und Chips des «Willisauer Bote» dennoch etwas schreiben musste, verfasste er einen Text über seine Idole: Die Kicker aus Bosnien-Herzegowina.

Was er geschrieben hat, erfahren Sie hier:

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Vom Laien für Kenner

Kenner wissen: David Koller hat keine Ahnung von Fussball. Dennoch schreibt er bisweilen im «Willisauer Boten» (WB) darüber. Zumindest schreibt er über den Profi-Kicker Fabian Lustenberger. Denn der stammt wie Fussballbanause Koller aus Nebikon.

WB-Sportchef Renato Cavoli fand unlängst, wegen des derzeitigen Höhenflugs des ehemaligen FCL-Spielers sei es mal wieder an der Zeit für einen Artikel aus der Feder Kollers. Einer solchen Koryphäe des Sportjournalismus wagte der Beauftragte nicht zu widersprechen.

Hier auf Igosana haben wir schon einmal einen Artikel über den Lockenkopf aus dem Luzerner Wiggertal publiziert, der mittlerweile die sechste Saison bei Hertha Berlin unter Vertrag steht.

Fussball-Interessierten wollen wir auch das neueste Elaborat Kollers nicht vorenthalten. Weil Kenner insbesondere den eingefügten Kasten Cavolis lobten, stellen wir hier das PDF der ganzen Seite zur Verfügung.

All dies in der leisen Hoffnung, damit der Völkerverständigung zwischen Fussballmuffeln und -fanatikern einen kleinen Dienst zu erweisen.

Ceca, die serbische Gaga

Den zwei wohl berühmtesten Brüsten des Balkans und ihrer Besitzerin geht es an den Kragen: die serbische Sängerin Svetlana Ražnatović (Jg. 1973), besser bekannt unter dem Namen Ceca, ist wegen Korruption und Waffenbesitz angeklagt worden.

Ceca, bei der – pardon! – unweigerlich ihre mittlerweile kopfgrossen Silikonberge ins Auge stechen, hat sich auf dem Balkan einen Namen als Turbofolk-Sängerin gemacht. Turbofolk ist eine Mischung von traditioneller Volksmusik und Schlager mit Rock, Pop und Techno. Für westliche Ohren ist Turbofolk oftmals Geschmackssache, auf dem Balkan aber sehr populär.

Auch Ceca ist sehr populär – und Geschmackssache. Ihre chirurgischen Körperoptimierungen sind jenseits von Gut und Böse, immer mehr verkommt sie dadurch zu einer Karikatur ihrer selbst. Auch nicht eben sympathischer macht sie der Umstand, dass sie mit dem Kriegsverbrecher Željko Ražnatović verheiratet war. Dieser, genannt Arkan, wütete als Anführer von paramilitärischen Gruppen während der Sezessionskriege in Ex-Jugoslawien besonders brutal. Im Jahr 2000 wurde er in Belgrad zusammen mit zwei Leibwächtern erschossen. Das Tatmotiv ist bis heute nicht geklärt, man vermutet aber Kämpfe im mafiösen Milieu, in dem sich Arkan zweifellos bewegte.

Auch seine Witwe Ceca hat Unrecht begangen. Einerseits mit ihrer Musik, andererseits mit der Verschandelung ihres Körpers. Vor allem aber ist sie in sehr zwielichtigen Kreisen unterwegs: als 2003 der demokratisch gewählte und prowestliche serbische Regierungschef Zoran Đinđić ermordet wurde, sass auch Ceca mehrere Monate in Untersuchungshaft. Jetzt steht sie wieder in Konflikt mit der Justiz. Als einstige Präsidentin des Belgrader Erstligisten FK Obilić muss sie sich – obwohl sie wahrscheinlich nach wie vor politischen Schutz geniesst – wegen des unrechtmässigen Verkaufs von zehn Fussballern vor Gericht verantworten. Dabei soll sie rund 6,5 Millionen Franken eingesteckt haben. Ferner wird ihr der illegale Besitz von elf Pistolen vorgeworfen.

All das lässt uns zum Schluss kommen, das Svetlana Ražnatović nichts anderes sein kann, als die Lady Gaga des Balkans.

Und so wünschen wir Ceca – oder Gaga, je nachdem – und ihren beiden dicken Begleiterinnen eine angenehme Zeit hinter schwedischen Gardinen. Auf dass die Gerechtigkeit dieses Mal obsiegen möge!

Crazy Constantin fliegt

Gelegentlich würde es Journalisten nicht schaden, etwas vertiefter zu recherchieren. Als Beispiel hierzu sei ein Artikel des «Blick» herangezogen.

Darin geht es um die neusten Reisegewohnheiten von FC Sion-Boss Christian «Crazy» Constantin – der Mittelnamen des fussball- und bisweilen auch sonst ziemlich verrückten Walliser Architekten stammt selbstverständlich aus der Hexenküche des Schweizer Boulevard-Riesen. Doch scheinbar nimmt CC, den die linke Wochenzeitung WOZ auch schon als «Visionär, Diktator und Fan» bezeichnete, solche Medienelobrate ziemlich gelassen. Denn unlängst liess Constantin «Blick»-Reporter Alain Kunz in seinem neusten Spielzeug mitfliegen. Einer Piaggio Avanti.

Dazu war auf blick.ch zu lesen:

Seine Augen leuchten. Sein meist grimmiger Blick weicht einem Lächeln der Entzückung. Der umtriebige, für viele verrückte Sion-Präsident steht vor seinem neuen Spielzeug, einer Piaggio Avanti P 180. Das ist nicht die neuste Vespa, sondern ein schmucker Privatjet. Christian Constantin hat die ­Propellermaschine zusammen mit Rallye-Weltmeister Sébastien Loeb gekauft. Kostenpunkt? CC liefert seine Standardantwort, wenn es um Geld geht: «Ich habe ein schlechtes Zahlengedächtnis.» (…)

Doch nun fragen wir uns etwas verwirrt: haben wir etwas verpasst? Ein Jet mit Propellern?

Nur schon ein Blick in den Duden hätte auf der Redaktion in Zürich weitergeholfen:

Jet, der, (engl), (ugs. für Düsenflugzeug)

Ein Jet mit Propellern? Eine Piaggio Avanti in Sion. Der Vogel im Hintergrund hat nachweislich keine Propeller und ist folglich ein Jet: eine F/A 18, ein Spielzeug aus der Sammlung von Verteidigungsminister Maurer.

Natürlich ist das Haarspalterei und mag dem Uninteressierten reichlich banal vorkommen. Zu Recht! Aber nur schon daran lässt sich aufzeigen, dass Journalisten gelegentlich etwas genauer arbeiten sollten – der Verfasser dieser Zeilen nimmt sich davon nicht aus. Dem Image der schreibenden Zunft würde es nicht schaden.

Zu diesem Thema sei übrigens auch ein Blick in die Foren von Aviatik-Fans empfohlen (z.B. www.flightforum.ch). Wer hier verkehrt, ist mitunter auch ordentlich crazy. Ein Besuch lohnt sich indessen, weil die Fliegerkenner meistens leidenschaftlich über «Journalistische Inkompetenz» wettern und  über vermeintliche «Schmierfinken» in Redaktionsstuben herziehen, welche die kleinste Bagatelle zur Beinahe-Katastrophe hinaufstilisieren. Die Polemiken sind oft übertrieben, lesenswert sind sie meistens; und ganz Unrecht haben sie leider nicht, die Flugzeugverrückten. Denn auch weniger boulvardeske Blätter lassen sich dann und wann zu ziemlich unseriösen Texten verleiten.

Die Moral der Geschichte: Crazy Constantin  gönnen wir sein neues Spielzeug. Und unserem technikverrückten Herrn Koller gönnen wir, dass er endlich mal wieder etwas über Flieger schreiben durfte.

Waffennarren spielen gegeneinander Fussball

Montenegro ist ein erstaunliches Land. Und der einzige Ex-jugoslavische Staat, den David Koller noch nicht bereist hat. Weil die Schweizer Fussballnationalmannschaft in Podgorica gegen jene aus Crna Gora antritt, veröffentlichte die «Neue Zürcher Zeitung» in ihrer Ausgabe vom Donnerstag, 7. Oktober 2010 (S. 48), einen informativen Artikel über die kleine Republik an der Adria – mit einigen hübschen Sticheleien gegenüber der Schweiz.

Die kleine Schwesterrepublik

Landschaftlich vielfältig, verschiedene Volksgruppen und ein Hang zu Waffen: Zwischen Montenegro und der Schweiz gibt es viele Parallelen

Wenn Schweizer Balkanländer beschreiben, dann betonen sie das Exotische: wilde Völker und schwache Staaten, rohe Gewalt und heisse Leidenschaft. «Blut und Honig» hiess bezeichnenderweise eine Ausstellung über den Balkan. Doch beim zweiten Blick – etwa auf Montenegro – werden auch Ähnlichkeiten sichtbar.

Von Andreas Ernst, Belgrad

Gerade zwischen der Republik in den Dinarischen Alpen und ihrer Schwester in den Zentralalpen. Da ist einmal die Vielfalt: Von der Adriaküste mit ihren malerischen Städtchen zur palmengesäumten Bucht von Kotor bis hinauf zum Hochkarst und zu den Urwäldern des Durmitor-Gebirges – Montenegros Landschaft hat unglaublich viele Seiten.

Nur 43 Prozent der Bevölkerung sind Montenegriner

Zur Vielfalt gehört allerdings auch der Kontrast zwischen den überfüllten, von Spekulationsbauten umstellten Stränden und den mausarmen Bauernsiedlungen im Gebirge. Oder der Unterschied zwischen der Bilderbuchinsel Sveti Stefan und dem staubigen Bergstädtchen Berane. Auch die Zusammensetzung der Bevölkerung ist vielfältig. Von den 672’000 Bewohnern bezeichnen sich 43 Prozent als Montenegriner, 32 Prozent als Serben, 13 Prozent als Bosnjaken und 3 Prozent als Albaner.

Die heiss umstrittene Trennung von Serbien verlief 2006 dank EU-Moderation erstaunlich reibungslos. Die Beziehungen zwischen den Volksgruppen sind zwar nicht spannungsfrei, aber im Grossen und Ganzen doch friedlich. Man sollte die Parallele mit der Schweiz nicht überziehen, aber im Kontext der Nachbarschaft lässt sich die montenegrinische «Einheit in der Vielfalt» durchaus sehen.

Die im Jahr 2005 eröffnete Most Milenijum (Millennium-Brücke) ist eines der Wahrzeichen der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica. Diese trug von 1946 bis 1992 den Namen Titograd. (Foto: srpska.etleboro.com)

Bergvölker, so sagt man, lieben ihre Waffen und unterdrücken ihre Frauen. Die Schweiz führte das Frauenstimmrecht 1971 ein, 26 Jahre nach Montenegro. Doch seither hat sich das Tempo umgekehrt. In urbanen Gebieten Montenegros gibt es zwar eine Annäherung von Rechten und Pflichten im Privaten, doch im öffentlichen Leben ist das Geschlechterverhältnis sehr traditionell.

Keine «wandelnden Arsenale»

In der Politik sind die Frauen krass untervertreten, obwohl sie, dank dem Erbe des sozialistischen Jugoslawien, fast ebenso gut ausgebildet sind wie die Männer. Nur jedes zehnte Parlamentsmitglied in Podgorica ist weiblich. Was das Waffentragen betrifft: Die Reiseliteratur hat bis Mitte des letzten Jahrhunderts die montenegrinischen Männer als «wandelnde Arsenale» beschrieben.

Und noch heute haben viele Montenegriner wenigstens ein Jagdgewehr im Schuppen versteckt. Doch einem Volk, das Knabenschiessen veranstaltet und Armeewaffen nach Hause nimmt, dürfte das nicht allzu exotisch erscheinen.

Montenegro wird wie die Schweiz von der Natur verwöhnt – aber diese birgt wenig Bodenschätze. Man setzt auf Dienstleistungen und ausländisches Geld. Um dieses anzuziehen, bieten die Montenegriner auch ihre Staatsbürgerschaft an. Wer wenigstens eine halbe Million Euro investiert und gut beleumdet ist, erhält den montenegrinischen Pass.

Grosszügige Einbürgerungspolitik

Es gibt durchaus Interessenten. So hat sich der Milliardär und exilierte thailändische Oppositionsführer Thaksin einbürgern lassen. Das Bürgerrechtsgesetz verlangt zwar Sprachkenntnisse und Wohnsitz im Land. Aber wie andere geschäftstüchtige Alpenrepubliken drückt auch Montenegro ein Auge zu, wenn kapitalstarke Fremde auftauchen.

Dennoch sind die Montenegriner, ganz wie die Schweizer, stolz auf ihre Verteidigungskräfte. Niemals in 500 Jahren Herrschaft gelang es den Osmanen, das gebirgige Land vollständig zu kontrollieren. Das hat sich auf den Fussball übertragen. Die montenegrinische Verteidigung ist in den meisten Spielen Herr der Lage.