Wenn Kommerz nicht schlecht ist

Vielleicht ist es die langsam einsetzende Altersmilde. Im Gegensatz zu den Kritiken der Vorjahre hatte David Koller am diesjährigen Programm des «Heitere»-Festivals wenig auszusetzen. Seine etwas strengeren Rückblicke für den «Willisauer Bote» gibt es hier: 2011, 2012 und 2013.

Hyperaktive Frankofone und virtuose Kalifornier

Tops und Flops In der diesjährigen Ausgabe bot das «Heitere»-Festival erfrischend viele Höhepunkte. Nur ein Act vermochte überhaupt nicht zu überzeugen.

Gar so viel wurde in den letzten Jahren an dieser Stelle über das «Heitere»-Programm gestänkert. Konzeptlos sei es, wirkliche Höhepunkte fehlten, immer wieder liefere das Open Air Schläge in die Magengrube eines jeden Musikliebhabers. Heuer war vieles anders. Für einer der zahlreichen Höhepunkte sorgten «Queens of the Stone Age». Zwar liessen es die Kalifornier um Frontmann Josh Homme an Publikumsnähe fehlen. Doch das machten sie mit instrumentaler Virtuosität wett.

DSC_0497Verzauberte den «Heitere»-Platz in eine Strasse im Pariser Montmartre: ZAZ. (Foto: Evelyne Fischer, WB)

Für ein frühes Glanzlicht sorgten am Freitag «Triggerfinger». Vielen kennen die drei Belgier vorab wegen ihres Mitpfeif-Ohrenwurms «I Follow Rivers». Doch mitnichten gehören die schon etwas reiferen Herren zu den seichten Poppern. Im Gegenteil: Waschechte Rocker sind sie. Und gute obendrauf.

Swissness bis zum Abwinken

Grandios war das britische Ausnahmetalent Birdy. Indes konnte einem die zierliche Frau mit der grossen Stimme leidtun. Denn ihre einfühlsame Musik wirkte um 21 Uhr vor einem bereits alkoholgeschwängerten und nach mehr Party dürstenden Publikum deplatziert. Man würde sich die erst 18-Jährige lieber in einem kleinen Club anhören als auf einer grossen Festivalbühne.

Solche Probleme kennt «Bligg» nicht. Von Anfang an hatte der Zürcher das Publikum im Griff. Er bietet eben das, was man zu fortgeschrittener Stunde an einem Open Air erwartet: Mitsingmusik, in der sich Ohrwurm an Ohrwurm reiht. Indes wirkt das permanente Betonen seiner Swissness anstrengend. Überdies wäre wünschenswert, er würde etwas weniger Werbung für seine Produkte machen. Die dauernden Marketinganstrengungen zeigen: «Bligg» ist ein guter Entertainer, vor allem aber ein genialer Verkäufer.

Fette Bässe und dünne Ladies

Nur einen wirklichen Tiefpunkt gab es: Sean Paul. Seine Show war unmotiviert. Das permanent herumgeschwungene Frotteetuch wirkte lustlos, das ewige Geplapper über «Sexy Ladies» dümmlich. Mit fetten Bässen und knapp bekleideten Tänzerinnen von erstaunlicher Elastizität reihte sich der Jamaikaner ein in die Gilde der Abstürze der letzten Jahre: Taio Cruz und Pitbull.

Dass kommerzielle Musik durchaus Niveau haben kann, zeigte Cro. Der stets in Pandabär-Maske auftretende deutsche Rapper sorgte für viel grelles Gekreische in den vorderen Reihen, überzeugte mit seinem abwechslungsreichen Repertoire aber auch ältere Semester. Dass kommerzielle Musik gar extrem gut sein kann, bewiesen abermals Jan Delay und «Disko No. 1». Der näselnde Hamburger und seine Begleitband waren nicht zum ersten Mal auf dem Zofinger Hausberg. Und sie sorgten nicht zum ersten Mal für viel Begeisterung.

Montmartre am «Heitere»

Und dann waren noch die beiden hyperaktiven Frankofone. Sowohl der Belgier Stromae als auch die Französin ZAZ sind auf der Bühne kaum zu bremsende Wirbelwinde. Sehr sympathische notabene. «Stromae» brachte die Menge mit minimalistischen Electro zum Hüpfen. «ZAZ» verzauberte den «Heitere»-Platz in eine Strasse im Pariser Montmartre, in der alle mittanzten und -sangen. Die 34-Jährige sorgte am Sonntagabend für einen gebührenden Ausklang eines Festivals, das endlich wieder nicht nur von der Stimmung her überzeugte, sondern auch von der musikalischen Qualität.

Willisauer Bote (WB), 12. August 2014
© David Koller, 2014

Neue Serie

Zurecht hat Das Frolein – treue Leserin, gelegentliche Nörglerin und Neo-Bloggerin – unlängst moniert, dass auf igosana.ch derzeit wenig los ist.

Als Entschädigung für das vorgezogene Sommerloch lancieren wir eine neue Serie mit dem Titel: Bildlegenden, wie sie hätten erscheinen können.

Den Beginn macht ein Foto von Kollers altem Dackel samt Legende, die im FDP-Parteimagazin hätte stehen können:

DSC_0062Dackel Buma ärgert sich ob der Überregulierung auf dem Zofinger «Heitere».

Missverstandene Metaebene

Abermals verfasste David Koller für den «Willisauer Boten» einen kurzen Text über die Tops & Flops des diesjährigen «Heitere». Das Openair gefiel besser, als ob des Programms zu erwarten war.

Von Perlen und seichtem Pop

Lorbeeren konnte das Heitere-Programm im Vorfeld nicht viele einheimsen: Abermals sei es konzeptlos, Zugpferde fehlten, vor allem aber sei es zu kommerziell und lasse künstlerische Qualität vermissen. Doch (wir) Skeptiker wurden eines Besseren belehrt. Es gab Perlen. Die erste: Die Oldschool-Hip-Hopper von «Public Enemy». Genauso zu überzeugen vermochte der Berner Greis. Doch dann der Absturz: Pitbull. Eine synthetische Show bar jeden musikalischen Handwerks, dazu eine gehörige Portion Sexismus. Dieser niveaulosen Elektromusik folgte intelligente: «2manydjs» brachten die Qualität zurück und das Volk zum tanzen.

Am Samstag überzeugten unter anderem «Kraftclub» mit Stromgitarren und Bühnenpräsenz. Besucher, die sich ob Pitbulls akustischem Massaker immer noch die Ohren rieben, freuten sich über eine Breitseite an seine Adresse. Wem der Amerikaner nicht gefallen habe, der habe seine Aussage auf der Metaebene nicht verstanden, frotzelten «Kraftclub». Tatsächlich nicht verstanden wurden «Empire of the sun». Trotz zweifelsohne vorhandenen Qualitäten und einer visuell beeindruckenden Show blieben die Australier seltsam unzugänglich. Entsprechend harsch waren die Reaktionen.

Ganz anders am Sonntag. Bühne und Zuschauerraum schienen sich zu vereinen. Bastian Baker, «77 Bombay Street» und «Unheilig» sind Geschmacksache. Seichten Pop mögen die ersten beiden machen, schwer einzuordnende Musik die Letzten: Mal schrammen die pianoschwangeren Balladen von «Unheilig» hart an der Grenze zum Kitsch, mal erinnert alles zu sehr an «Rammstein». Doch alle drei packten das Publikum. Noch selten sangen so viele Kehlen gemeinsam, wie bei «77 Bombay Street» und «Unheilig». Fazit: Künstlerisch wäre mehr drin gelegen. In Sachen Stimmung haben die Macher das Optimum herausgeholt.

Willisauer Bote (WB), 13. August 2013
© David Koller, 2013

Geili Sieche und dummes Gegröhle

Das «Heitere» ist Haus-Openair des Neo-Zofingers David Koller. Weil jeweils auch viele Luzerner in den benachbarten Aargau pilgern, berichtet der «Willisauer Bote» umfassend über den Anlass. Herr Koller war zuständig für Lob und Tadel:

Taio ist halt kein Kuno

Wie weit doch Kunst und Kommerz auseinander liegen! Der R&B-Sänger Taio Cruz war einer der Triebfedern des Publikumsaufmarschs am «Heitere». Dennoch: zu begeistern vermochte der Brite nicht. Seine Musik tönte wie ab Konserve – sie war es teils auch. Und wenn einer seinen Hitparaden-Erfolg mehrmals spielt, hat er entweder ein sehr schlechtes Gedächtnis, oder ein dünnes Repertoire. Bei Liebhabern von ehrlich gemachter Musik sorgte Cruz‘ Mitbrüller «Hangover» noch auf dem «Heitere» für einen Kater. Nicht so «Katzenjammer». Den vier Norwegerinnen war anzusehen, wie wohl sie sich auf der Bühne fühlen. Keine coolen Sonnenbrillen und klinischen Beats. Dafür Spielfreude, freche Sprüche und gute Musik.

Auf noch bedenklicherem Niveau als der vermeintliche Headliner Cruz befanden sich die «Atzen». Sie besingen vorab Alkoholkonsum und freie Leibe. Solche Mitgröhl-Musik beleidigt Geist und Gehörgang. Sie mag in einen «Ballermann» passen, nicht aber an ein Festival, das sich eine gute Programmierung auf die Fahne schreibt. Die Mehrheit des Publikums freilich störte dies so wenig wie der fehlende Tiefgang Taio Cruz‘. Die Stimmung kochte. Bei «Züri West» kochte sie nicht, war aber prächtig. Kuno Lauener (Bild) und seine Mannen zeigten einmal mehr, wie sexy Mundartrock sein kann. Um es mit einem ihrer Texte auszudrücken: «Geili Sieche!»

Eine weitere Perle im abermals ziemlich willkürlich wirkenden Programm waren «Deichkind». Die Texte der norddeutschen Party-Dadaisten sind abgefahren – «Befehl von ganz unten» –, die Bühnenshow herrlich unästhetisch. Letzteres lässt sich von «Hurts» nicht behaupten. Die melancholischen Melodien der Briten – harmonisch unterlegt von einem Streicher-Ensemble – verzauberten am Sonntagabend die Zuhörer und schafften einen stimmigen Ausklang. Er liess über einige Tiefschläge hinwegblicken.

(Foto: Evelyne Fischer)

Willisauer Bote (WB), 14. August 2012
© David Koller, 2012

Freakshow und Lampenfieber

Im Rahmen der reichhaltigen Berichterstattung des «Willisauer Boten» über das diesjährige «Heitere»-Openair in Zofingen kam David Koller die Aufgabe zu, über die Tops & Flops zu schreiben. Die dazu eingeplanten 1700 Zeichen waren reichlich knapp bemessen. Deswegen fanden Kollers heimliche Favoriten «The Hives» (sie kamen im Haupttext eines Arbeitskollegen vor) sowie die auch nicht grundschlechten Damen und Herren von «Luxuslärm» keine Erwähnung.

Tops & Flops. Ach, diese Amy Macdonald! Auf so vielen Bühnen hat sie schon gespielt, mit Preisen wurde sie überhäuft. Trotzdem immer noch nervös, wenn sie auftritt. Lampenfieber statt Starallüren. Die Schottin kam, verzauberte mit ihrem melancholischen Set und verpasste dem «Heitere» einen gebührenden Abschluss. Einen weniger sympathischen aber nicht minder hochstehenden Glanzpunkt setzten die dauerbekifften Hip-Hopper von «Cypress Hill». Der Joint auf der Bühne ist hier genauso Programm wie Flows und Grooves, die seit den 90ern Ihresgleichen suchen. Unbekannt aber mitreissend waren «LaBrassBanda». Sie zeigten, dass Bayern mitunter ein bisschen auf dem Balkan liegt: Tempo und verbeulte Blasinstrumente erinnern an Gipsy-Formationen aus Südosteuropa.

Das diesjährige Programm war geprägt von einem wilden Stilmix. Am wenigsten zu überzeugen vermochte der Samstag. Ganz unten auf der Skala rangierten «Kid Cudi» und «Culcha Candela». Beide dümpeln in seichten Popgewässern. Die Zweitgenannten sorgten zwar bei blutjungen Sympathisantinnen für hysterische Kreischattacken. Mehr als eine perfekt choreografierte Show von gutaussehenden singenden Tänzern boten sie nicht. Und warum die Veranstalter «Bonaparte» nach Zofingen holten, bleibt ihr Geheimnis. Die Musik der Indie-Punker verkam ob der grotesken Freakshow auf der Bühne zur Nebensache: barbusige Tänzerinnen spien Blut und rauften sich am Boden. Das mag in dunklen Grosstadtclubs ankommen, im Nachmittagsprogramm eines Festivals sorgt es bestenfalls für amüsiertes Kopfschütteln. Fazit: den kommerziellen Erfolg scheint eine fast schon konzeptlos erscheinende Programmierung nicht zu schmälern. Offenbar ist und bleibt Musik für viele «Heitere»-Besucher schlicht eine schöne Nebensache.

Willisauer Bote (WB), 17. August 2011
© David Koller, 2011