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Wärmstens empfohlene Lektüre

Die vorlesungsfreie Zeit – wie es die Studierenden nennen, die anderen sagen einfach Ferien – dauern immer noch an. Zeit, jene Bücher zu verschlingen, die während des Semesters liegen geblieben sind. Es sind einige. Derzeit ist es der Roman

Endstation Russland von Natalja Kljutscharjova (Suhrkamp nova, 2010, 179 S.)

Ein nicht nur für Liebhaber der russischen Literatur überaus lesenwertes Buch. Die junge Autorin (Jg. 1981)  ist eine begabte Geschichtenerzählerin und es gelingt ihr,  immer wieder Anlehnungen an die literarischen Grossmeister ihres Landes einzubauen. Nikita, der Held der Geschichte beispielsweise, ist mildtätig, verträumt und nicht ganz von dieser Welt. Er ist das moderne Abbild Myschkins aus Dostojevskis «Der Idiot».

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Virtuose, grotesk-komische Geschichtenerzählerin:
die russische Autorin Natalja Kljutscharjova.

«Endstation Russland» ist tragisch, solzialkritisch und klug. Es ist eine schillernde Enzyklopädie des Lebens im heutigen Russland. Das Buch ist stellenweise aber auch überaus amüsant. Nachfolgend ein paar Auszüge:

  • Eine dicke Matrone in der Metro sagt zu einem bettelnden Jungen: «Wieso bettelst du? Du bist doch schon gross! Alt genug zum Stehlen!» (S. 48)
  • «Und ziehen Sie Ihre Jeans hoch, man sieh Ihre Unterwäsche. Ich denke, das schadet Ihrem Intimleben nicht weniger als der Kapitalismus.» (S. 57)
  • Ein Mädchen in der Metro sagt zu ihrer Freundin: «Das ist kein Sex. Es ist ein Gebet. Wir schaffen es mit unseren Körpern. Eine Art archaisches Ritual, ein ekstatisches Sakrament. Das ist kein Orgasmus, verstehst du, das online-Kontakt mit Gott.» (S. 91)
  • «Bedecke wenigstens deine Blösse, meine Schöne!»
    «Pff, Schlaukopf! Spiel hier nicht den Gelehrten, ich sehe alles! In deinem Kopf ficken die Fliegen!» rief die Schöne angriffslustig. (S. 118)
  • «OLJA !» erschütterte der Brunftruf eines röhrenden Mammumts die Gegend. «Du AAS! Ich wollte doch mit dir reden wie ein Mensch!» (S. 119)
  • Links neben dem bärtigen Monarchisten ragte ein Mann in die Höhe, der aussah wie der Chef der Gewerkschaft genialer Komponisten. (S. 163)
  • Und die Melkerin Nastjona legte den Kopf in den Nacken, schirmte mit der Hand die Augen gegen die blendende Sonne ab, schaute den beiden von der Treppe des Kolchosebüros aus zu und überlegte träge, in wen von beiden sie sich verlieben sollte. (S. 177)

Solide helvetische Schreibe

Für einmal soll an dieser Stelle nicht der slavischen Literatur gehuldigt werden, sondern der helvetischen.

Aus Anlass des Todes von Hugo Loetscher hat sich die Redaktion sein Buch «Der Immune»  aus dem Jahr 1975 vorgenommen. Es schildert Erlebnisse eines Unverletzlichen. Erlebnisse, an denen Menschen zu Grunde gehen können. Etwa jenes, als der Vater des Protagonisten betrunken nach Hause kommt und das Geschirr zerschlägt, das der Sohn der Mutter zum Geburtstag geschenkt hatte. Loetscher kann aber auch anders. Nachfolgend einige relativ willkürlich ausgewählte Textstellen:

«Etwas stimmte mit dem nicht. Überhaupt, was will der hier, soll er in seinem schwulen Spunten verdampfen.»

«Eines Tages gingen die Niederdörfler in den Zoo. (…) Einer hatte erzählt, wenn man die Affen mit Salzheringen füttert, fangen sie an zu onanieren. Also begaben sich die Niederdörfler in ein Delikatessengeschäft. Hier verlangte einer gleich vier Kilo, die armen Affen.»

«Im Stadtkreis vier, wo sie aufgewachsen war, hiess es an einem Nachmittag, vor dem Bahnhof stehe ein Neger; sie seien alle aufgeregt gewesen und hätten beschlossen, den Schwarzen anschauen zu gehen, aber sie hätten ihn verpasst, da sie sich vorher noch die Sonntagskleider angezogen hätten.»