Schlagwörter: NZZ

Medienkunde VI: Der zielgruppengerechte Titel

Ein guter Titel spricht die Zielgruppe eines Beitrags an. Die «Neue Zürcher Zeitung» machts exemplarisch vor. Intellektueller und elitärer kann eine Überschrift wohl kaum daher kommen:

Zurecht sagt man der NZZ bisweilen nach, sie sei versnobt und verstaubt. Wohl auch deswegen ist immer mal wieder die Rede von der «Grossmuter von der Falkenstrasse».

Apropos Grossmutter: Von ihrem Alter her würde die Protagonistin des nächsten Titels perfekt zur Zielgruppe der NZZ passen. Von ihrer politischen Einstellung her indes nicht wirklich. Statt wirtschaftsliberal ist sie eher linksradikal. Und sie sorgt für einen wunderbar zielgruppengerchten Titel auf «Nuovo SRF» – dem Kanal der SRG für 18- bis 30-Jährige.

Hier geht es zu den beiden Beiträgen:

NZZ
Nuovo SRF

Der Tunnel und die Teufel

AC/DC waren in Bern und die halbe Schweiz ging hin, so auch Verkehrsministerin Doris Leuthard, wie das folgende Foto beweist:

CjpaDXGUgAA9pX0

Die NZZ hat sich dem Bild sowie der Empörung einiger Ewiggestrigen darüber angenommen und das Ganze göttlich mit der Eröffnung des Gotthardbasistunnels kombiniert:

Railway to Hell

Simon Hehli – Weit ist es mit den einst gottesfürchtigen Christlichdemokraten schon gekommen: Nicht nur pilgert CVP-Bundesrätin Doris Leuthard an ein Konzert der australischen Hardrockband AC/DC und begibt sich damit auf den «Highway to Hell» – sie posiert auch noch diabolisch grinsend mit roten Teufelshörnern aus Plastic! Ein Sakrileg für die frommen Gemüter von der EDU: «Sich mit einer Satan-verherrlichenden Band derart zu identifizieren, ist als Bundesrätin nicht angebracht Frau Leuthard», twitterte Erich Vontobel, Zürcher Kantonsrat der Minipartei. Dass auf der Foto auch Ex-FDP-Chef Philipp Müller mit ebenso teuflischem Kopfschmuck zu sehen ist, tut wenig zur Sache – erwartet man doch von einem Freisinnigen mit Hang zu Höllenritten nichts anderes. Doch Leuthard solle als Bundesrätin der christlichen Volkspartei gefälligst Gott verteidigen – «und nicht seinen Widersacher», legte Vontobel im «Blick» nach. So viel Ungemach, und das ausgerechnet kurz bevor Verkehrsministerin Leuthard den neuen Gotthardbasistunnel eröffnen darf. Wobei da ein schrecklicher Verdacht aufkommt: Hat etwa der Leibhaftige nicht nur vor langer Zeit die nach ihm benannte Brücke in der Schöllenenschlucht gebaut – sondern via seine Jüngerin Doris auch ein 57 Kilometer langes Loch in den Fels gebohrt? Die Sage berichtet: Luzifer forderte für den Bau seiner Brücke die Seele des Ersten, der sie überquere. Die Urner, gerissen, wie sie sind, schickten einen Geissbock. Nun wissen wir auch, warum die vereinigte Politprominenz von Leuthard bis Merkel und Hollande erst im zweiten Zug durch den Tunnel fahren wird. Die Jungfernfahrt ist dem gemeinen Volk vorbehalten.

NZZ, 01.06.16, S. 15

Fussnote
Obwohl wir auf Stromgitarren und harte Musik stehen, finden wir: So viel (Polit)Prominenz am Konzert sind leider deutliches Indiz dafür, dass AC/DC eine lauwarme Spiesserband geworden sind.

Das Beschiss.

«Was ist bloss los mit uns Deutschen? Plötzlich sind wir nett zu Ausländern und bauen Scheissautos.» Das ist ein Einstieg nach Mass. Geliefert hat ihn die «Heute Show» – neben «Willkommen Österreich» das Beste, was an deutschsprachigen Satire-Formaten auf dem Markt ist.

Am Freitag, 25.09.15, nahm sich die ZDF-Sendung erwartungsgemäss dem VW-Beschiss an. Und das Bestform. Die Rede war von «Top-Gier» und «Diesel Nazis», der eigenartige VW-Claim «Das Auto.» wurde kurzerhand in «Das Beschiss.» umgewandelt. Zudem kündigte Moderator Oliver Welke einen Golf der Helmut-Schmidt-Edition an – ordentlich qualmend und mit Menthol-Einspritzung.

Grosses Kino! Am besten gleich selber geniessen:

Bildschirmfoto 2015-09-26 um 10.49.19 (2)

Eine unerwartet reichhaltige Portion schwarzen Humor servierte am Samstag, 26.09.15, aber auch die «Neue Zürcher Zeitung»:

VW

PS: Herr Koller darf lästern, als Besitzer eines VW-Diesels gehört er zum grossen Kreis der Geschädigten.

Medienkunde V: Das passende Symbolbild*

* mit toller Legende

Während wir im letzten Beitrag kleinlich gestänkert haben, wollen wir jetzt wieder loben – geradezu euphorisch.

Grund für unsere Begeisterung ist ein Beitrag in der Printausgabe der «Neuen Zürcher Zeitung» (Donnerstag, 2. April 2015, S. 60). Im Artikel «Ein elektronischer Schutzengel» geht es um einen Online Mobilitäts- und Service-Dienst für Autofahrer (Online-Version).

Entzückt haben uns Bild und Legende, mit denen der Artikel publiziert wurde. Denn Redaktoren wissen davon ein Lied zu singen: Oft ist es nicht eben einfach, einen Text mit eher abstraktem Inhalt stimmig zu illustrieren. In diesem Fall aber ist es perfekt gelungen, vor allem wegen der Bildlegende:

bugattiDer Rennfahrer Raymond Mays konnte bei seinem Bugatti noch ohne Internet Probleme sofort diagnostizieren.

Plädoyer für die Geisteswissenschaften

Zweifelsohne ist die «NZZ am Sonntag» die Schweizer Sonntagszeitung mit dem meisten Tiefgang. Das hat sie dieses Wochenende wieder einmal bewiesen, mit einem klugen Kommentar von Chefredaktor Felix E. Müller.

Dessen Plädoyer für die Geisteswissenschaften ist ein Gegenentwurf zum derzeit angesagten Ruf nach mehr Ingenieuren und Ärzten. Dass solche fehlen, ist nicht von der Hand zu weisen. Genauso unbestritten ist, dass die Berufslehre ein Erfolgsmodell ist, das keinesfalls verdrängt werden darf. Aber: Auch die Ausbildung von Geisteswissenschaftern hat ihre Berechtigung. Mitnichten ist sie grundsätzlich sinn- oder gar nutzlos, wie dies mitunter postuliert wird.

Zu Recht schreibt Müller:

Weniger Studenten und mehr Lehrlinge, weniger Historiker und mehr Ingenieure: Solche Forderungen werden derzeit von Politikern erhoben, die für nützliche Ausbildungsgänge plädieren. Sie unterliegen dem Irrtum, es gebe in der Bildung überhaupt Unnützes.

Ferner bringt er auf den Punkt, was die Ausbildung zum Geisteswissenschafter auszeichnet:

Ob als Psychologe oder Islamwissenschafter: Ein Student lernt im Rahmen seiner Ausbildung strukturiert und analytisch zu denken, Zusammenhänge zu erkennen, Fakten in einen Kontext einzuordnen, Hypothesen zu falsifizieren, historische Bezüge zu sehen.

Genau diese Tatsache übersehen die vermeintlichen Experten an den Stammtischen und in den Parlamenten – ob absichtlich oder schlicht aus mangelndem Wissen, sei dahingestellt.

In das für die NZZ leider unumgängliche Loblied auf den Liberalismus mögen wir zwar nicht einstimmen, ansonsten aber geben wir Felix E. Müller in allen Belangen recht.

Seinen ganzen Kommentar gibt es hier.