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Leidende Pendler

Lange war sich David Koller nicht sicher, worüber er in der letzten «Carte Blanche» dieses Jahres schreiben sollte. Dann setzte er sich in einen Zug, regte sich auf, und hatte sein Thema.

Rollende Quasselghettos

Liebe Geschäftsleitung der SBB. Seit Sonntag gilt der neue Fahrplan. Einmal mehr lief die Umstellung reibungslos. Mich erstaunt das nicht. Denn Ihr Unternehmen macht einen guten Job. Oft wird es kritisiert. Zu Unrecht. Ein so perfektes Bahnsystem wie hierzulande gibt es selten. Nur eines werde ich Ihnen nie verzeihen: die Abschaffung der Ruheabteile. Ich kann und will mir kein GA der ersten Klasse leisten. Aber nur dort gibt es sie noch, die rollenden Oasen des Schweigens. Ich hingegen sehe mich mit kichernden Teenagerinnen konfrontiert, mit zum Flughafen reisenden und schon morgens Bier trinkenden Easy-Jet-Passagieren, mit aufgeregt schnatternden Frauengruppen auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt. Doch damit kann ich einigermassen leben. Wirklich böse bin ich Ihnen, dass Sie uns Normalos zumuten, neben Telefonierenden zu sitzen.

Denn mich interessiert in Gottes Namen nicht, dass sich Dozierende der Hochschule für Soziale Arbeit wegen komplizierten gruppendynamischen Prozessen Grabenkämpfe liefern. Auch will ich nicht wissen, dass Jessy eine Bitch ist, aber Shkelzim soooo süss. Und ob der Kerl vom gegenüber schon wieder verpennt hat, ist mir genauso egal wie ein mit mehr oder minder überzeugender Dialektik geführtes Streitgespräch mit dem Sozialamt. Doch all das wird mir im Mikrokosmos Bahn zugemutet. Besonders penetrant: die «Tschüss, Ciao-Ciao, Tschüss»-Fraktion, die auflegt um gleich die nächste Person anzurufen. Seelen-Striptease in der Endlosschleife.

Sie werden einwenden, ich solle einfach weghören. Doch Menschen tendieren dazu, am Mobiltelefon lauter zu reden. Im Zug tun sie es noch lauter. Mitreisende werden geradezu genötigt, zu Mitwissenden zu mutieren. Und auch jetzt, da ich diese Zeilen schreibe – die Bahn ist einer meiner Arbeitsplätze –, brüllt wieder einer ins Telefon. Ich verstehe zwar nicht, was der Schnurrbärtige zu sagen hat, er spricht irgendein südasiatisches Idiom. Doch auch das lenkt ab. Deswegen meine innige Bitte. Liebe Geschäftsleitung der SBB, geben Sie uns die Ruheabteile zurück. Wenn das nicht möglich ist, führen Sie Telefonierwagen ein. Rollende Quasselghettos, in denen sich die Kommunikationsbedürftigen mit ihrer abwesenden Umwelt unterhalten können. Und wir Unwichtigen haben wieder unsere Ruhe.

Willisauer Bote (WB), 16. Dezember 2011
© David Koller, 2011

PS: Aufmerksame Leserinnen und Leser von igosana.ch erinnern sich: im Februar 2009 schrieb Herr Koller hier einen ziemlich ähnlichen Text. Aber das behalten wir für uns.

Linguistik für Einsteiger – der Germanismus

Ganz unverkrampft unwissenschaftlich lässt sich ein Germanismus wie folgt beschreiben: ein deutsches Wort, dass sich in einer anderen Sprache eingebürgert hat. Um dieses Phänomen zu veranschaulichen,  haben wir ein besonders hübsches Bild aus dem Sprachraum Ex-Jugoslaviens gefunden. Dort hat die einstige Herrschaft der Habsburger-Monarchie einige Spuren im Wortschatz gewisser Dialekte der Sprache hinterlassen, die heute politisch korrekt als BKS bezeichnet wird (Bosnisch, Kroatisch, Serbisch).

Aber genug doziert. Kommen wir zu unserem Rätsel: was könnte folgende Notiz auf dem Amaturenbrett dieses auf dem Balkan verkehrenden Buses wohl bedeuten? (Nema heisst frei übersetzt: es hat kein; nema problema heisst beispielsweise kein Problem.)

Richtig, dieser Bus hat keinen Rückwärtsgang (mehr). Der Zettel mahnt den Chauffeur wohl zu vorausschauendem Rangieren, weil sich ein solches Gefährt ohne Rückwärtsgang nur schwer wieder aus dem Parkplatz eines Busbahnhofes hinausbringen lässt.

Zum Thema Germanismen haben wir – ebenfalls unverkrampft unwissenschaftlich – auf Wikipedia einen passenden Eintrag gefunden.

«Im Bosnischen bezeichnet rikverc den Rückwärtsgang eines Fahrzeugs, das am besten rostfraj (rostfrei) zu sein hat.»

Rostfraj wird betreffendes Gefährt wohl kaum sein – abgenutzt wie das Armaturenbrett daherkommt. Jedem Schweizer Verkehrspolizisten würde ein solches Vehikel den Puls in lebensbedrohliche Höhen treiben. Uns hingegen gefällt es. Westeuropäer sind bei solchen Anblicken wohl geneigt dazu, von «Balkan-Schlendrian» zu sprechen. Dem entgegnen wir. Was solls? Solange er fährt und seine Passagiere sicher ans Ziel bringt. Und in der Tat würde es bisweilen auch uns nicht schaden, etwas mehr zu sagen:

«Nema problema!»

Der Lustige fährt im Zuge

«Meine Damen und Herren, der Lokführer ist da. Gleich geht es weiter.» Worte, welche die Stimmung im in Olten gestrandeten Eisenbahnwagen noch mehr anhoben. Schon vorher hatte der Zugbegleiter mit einer Durchsage für viel Gelächter gesorgt: «Das ist der Interregio, Abfahrt 20.49, nach Zofingen, Sursee, Luzern. Soweit der offizielle Teil. Jetzt der andere: augrund diverser Verspätungen und Umdisponierungen suchen wir derzeit noch einen Lokführer für diesen Zug.» Der ganze Wagen prustete los.

Lachende Gesichter überall. Man solls mit Humor nehmen. Schon am Morgen sassen die Pendler Richtung Basel wegen einer Fahrleitungsstörung zwischen Olten und Sissach fest. Student Koller kam 45 zu spät zur Vorlesung. Am Abend dann das selbe Chaos auf dem Bahnhof Basel. Wieder ein Fahrleitungsstörung, dieses Mal in Liestal. Der Zug nach Olten wurde über die Bözberg-Linie und Aarau umgeleitet und kam mit 75 Minuten Verspätung im Schweizer Eisenbahnknotenpunkt an. Dort ging das Warten wegen fehlendem Personal weiter.

Heute haben uns die SBB zwei Stunden des Tages geklaut. Doch auch wenn solche Sachen ärgerlich sind, grundsätzlich machen sie einen guten Job, die Damen und Herren von der Bahn. Das soll auch mal wieder gesagt sein.

Und: gemeinsam mit so vielen Menschen so herzhaft gelacht haben wir schon lange nicht mehr.

Danke, liebe SBB!

Der ewige Schwarzfahrer

Eifrige Leser haben es längst erkannt, die Trams in Sarajevo haben es David Koller angetan. So verwundert es auch nicht sonderlich, dass er seine neuste  «Carte Blanche» im «Willisauer Boten» den durch die Strassen der Haupstadt Bosniens rollenden Saunas widmet.

Manche lernen es nie

Sarajevo im Juli. 38 Grad zeigt das Thermometer an. Ein junges Schweizer Paar wagt das Abenteuer: Es will Tram fahren. Das ist in der Hauptstadt Bosniens ein Erlebnis. Vor allem im Sommer. Denn das Rollmaterial stammt aus einer Zeit, in der Sarajevo noch in einem Land namens Jugoslawien lag. Die Gefährte zuckelten schon während der Winterolympiade von 1984 durch die Strassen, und sie blieben ein paar Jahre später im Krieg auf ihnen liegen. Steinalt sind die Trams, und stets vollgestopft. Dadurch erhöht sich im Innern die Temperatur proportional: Zweihundert Personen drängen sich auf engstem Raum, die Fenster lassen sich nur einen Spalt weit öffnen. Wie heiss es in diesen mobilen Schwitzkästen wird, will man gar nicht wissen.

Trotzdem steigt das Paar zu, schafft es beim Fahrer Tickets zu erwerben und schiebt sich ins Gedränge – vorbei an einer glutäugigen Schönen und einer schwitzenden Grossmutter. Nun folgt der Auftritt eines dritten, schon ein paar Stationen eher zugestiegenen und entsprechend transpirierenden Schweizers. «Ihr müsst die Billette entwerten», sagt er. «Auch im Tram gekauft sind sie nur abgestempelt gültig», schiebt er nach und bietet an, sich zum Entwerter durchzukämpfen. Er gehe hier zur Schule, erzählt er danach mit geschwollener Brust. Die Sprache sei schwer, aber es gehe immer besser. Gross ist die Dankbarkeit, als ein paar Stationen später tatsächlich Kontrolleure auftauchen.

Dieser Unbekannte, der sich in der Hitze des Balkans mit den Tücken einer südslawischen Sprache abplagt und gleichzeitig Touristen vor Bussen bewahrt, bin ich. Aber unter uns, ich war nicht ganz ehrlich. Vor den Landsleuten machte ich auf souverän und mimte den Kenner. Dabei enthielt ich ihnen vor, dass ich an meinem ersten Tag in der Stadt just ihren Fehler gemacht hatte. Zwar kaufte auch ich brav einen Fahrschein, entwerte ihn aber nicht. Prompt geriet ich in eine Kontrolle. Die Busse betrug umgerechnet 20 Franken. Das ist verkraftbar. Meinem Ego indes hat es enorm geschadet. Zumal solche dummen Vorfälle auch schon in der Heimat passiert sind – aufmerksame Leser erinnern sich. Vor allem jedoch, weil entsprechende Hinweise im Tram angebracht waren, ich diese aber schlicht nicht verstand. Doch das behielt ich für mich. Es müssen ja nicht alle wissen, dass ich gewisse Dinge einfach nie lerne.

Willisauer Bote (WB),  6. August 2010
© David Koller, 2010

Wir wollen die heissen Trams zurück!

Und plötzlich ist alles anders. In der Nacht auf Sonntag ist es kalt geworden in Sarajevo. Nur noch 18 Grad zeigt das Thermometer an. Das ist wenig, verglichen mit den mörderischen 38 vom Samstag. Entsprechend ist das bislang verfluchte Tramfahren regelrecht zur Wohltat geworden. Denn draussen ist es plötzlich kalt. Einen Temperatursturz von 20 Grad innerhalb von wenigen Stunden steckt auch in Murmansk abgehärteter Mensch wie David Koller nicht einfach so weg.

Die Wetterprognosen verheissen für die nächsten Tagen keine Besserung. Verzweifelt fordert die gesamte Redaktion von igosana.ch deswegen lautstark: wir wollen die heissen Trams zurück! Wo sind sie geblieben, unsere rollenden Gratis-Saunas? Wir wollen zusammen mit fremden schwitzenden Körpern auf engstem Raum eingepfercht sein und die Hitze des Balkans spüren.

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Plötzlich innig vermisst: eine der rollenden Gratis-Saunas Sarajevos. Beim hier abgebildeten Exemplar handelt es sich um ein besonders altes Fahrzeug, nicht aber um eine rare Ausnahme. (Foto zvg)

Doch warum geht es hier eigentlich immer um Trams? Immerhin ist igosana.ch keine Website für ferrophile Spinner, sondern die eines schreibenden Irren. Und immerhin ist Sarajevo in dieser Woche auch Austragungsort eines renommierten internationalen Filmfestivals mit etlichen vielversprechenden Werken. Und wenns etwas weniger heiss ist, macht es auch mehr Spass, sich in eines der Kinos der Stadt zu setzen.

Ferner gibt es auch in einer relativ kleinen Stadt wie dieser (je nach Quelle zwischen 300 000 und 400 000 Einwohner) nach zwei Wochen Aufenthalt immer noch vieles zu entdecken. Etwa die entfernteren Quartiere abseits der herausgeputzten Touristen-Ghettos. Oder aber die Dörfer in den Hügeln, mit spektakulärer Aussicht auf Sarajevo. Eine Wanderung in den umliegenden Bergen lohnt sich ebenfalls. Die Wege sind gut ausgebaut und wohltuend leer.

Am Samstag war es in der Höhe zudem erfrischend kühl. Eine solche Flucht vor der Hitze ist jetzt aber nicht mehr nötig. Jetzt ist es auch unten im Talkessel so kalt, dass das Lernen leichter fällt. Diesbezüglich sei als Ergänzung zum letzten Eintrag erwähnt, dass die beiden Italienerinnen sich als durchaus schätzenswerte Geschöpfe entpuppt haben. Mittlerweile reden sie gelegentlich auch etwas bosnisch. Vor allem aber haben sie sich mehr als deutlich vom italienischen Über-Rentner und Ewig-Präsidenten Berlusconi distanziert.

Da schlägt das Herz eines jeden Slavistik-Studenten höher und plötzlich wird es einem wieder heiss.