BlaBla-Bullshit-Index

Wer es mit Politikern zu tun hat, kennt es allzu gut. Sie reden minutenlang und sagen doch nichts. Füllwörter, Floskeln, Worthülsen, heisse Luft. Besonders penetrant sind Texte von Wirtschaftsförderern. Ein nichtssagendes Marketing-Wort jagt das andere.

Genug damit! Dieser Tage wurden wir auf ein interessantes Gadget im Internet aufmerksam: den BlaBlaMeter. Er entlarvt schonungslos, wie wenig jemand mit viel Text sagen kann.

Herr Koller hat die Gunst der Stunde genutzt und das Vorwort seiner langsam in die Endphase gehenden Masterarbeit getestet. Das Resultat ist ernüchternd:

Erste Ansätze von „Bullshit-Deutsch“. Das kränkt unseren ehrgeizigen Schreiberling. Und spornt ihn an, noch mehr an seiner Arbeit zu feilen.

Einen Lichtblick gibt es dennoch. Herr Koller hat eine heute eingegangene Medienmitteilung des Kantons Luzern getestet. Das Resultat:

Bullshit-Index :0.46
Ihr Text riecht schon deutlich nach heißer Luft – Sie wollen hier wohl offensichtlich etwas verkaufen oder jemanden tief beeindrucken. Für wissenschaftliche Arbeiten wäre dies aber noch ein akzeptabler Wert (leider).

Mitmachen und selber Texte testen: BlaBlameter.de

Elektionsstörungen

In seiner aktuellen «Carte Blanche» setzt sich David Koller mit einem neuen, überaus bedrohlichen Krankheitsbild auseinander:

Post Electionales Syndrom

Ab nächster Woche werden Sie sich, liebe Leserin, lieber Leser, mit einer komplett neuen Lebenssituation konfrontiert sehen. Eine Leere wird sich in Ihnen auftun. Dann etwa, wenn Sie unterwegs sind. «Wo sind alle meine Freunde hin?», werden Sie verzweifelt rufen und vergeblich nach den treuen Begleitern entlang der Strasse Ausschau halten, die sie in den letzten Monaten freundlich anlächelten. Zudem können Sie sich nicht mehr über Vandalismus an Wahlplakaten ärgern – oder freuen. Sie werden Zoten wie jene um einen entführten Ziegenbock vermissen. Im Fernsehen müssen Sie ohne Wortgefechte von hypernervösen Menschen auskommen, die für jedes Problem eine Lösung parat haben. Und beim Einkaufen wollten plötzlich deutlich weniger Personen mit Ihnen reden; geschweige denn, Ihnen einen Apfel oder eine Broschüre mit hübschen Bildern in die Hand drücken.

Machen Sie sich auf eine schwere Zeit gefasst. Die Entzugserscheinungen können gravierend sein. Sie reichen von nervösen Zuckungen über Schlafstörungen bis hin zu militantem Nihilismus. Post Electionales Syndrom, kurz PES, nennen Experten das Krankheitsbild. Dieses nimmt in der westlichen Welt mit ihren exzessiven Wahlkämpfen bedenklich rasch zu. Der Grund liegt auf der Hand: über Monate werden Bürgerinnen und Bürger mit Wahlpropaganda überschüttet, auch die Medien widmen sich kaum noch anderen Themen. Und dann, mit einem Schlag, ist alles vorbei. Die Zielgruppe der politischen Materialschlacht fällt in ein tiefes Loch.

Die volkswirtschaftlichen Schäden wegen Arbeitsausfällen durch PES drohen in die Milliarden zu gehen. Gleichwohl sind sich Experten uneinig darüber, wie das Syndrom bekämpft werden soll. Im Auftrag der Schulmedizin arbeitet die Pharmaindustrie mit Hochdruck an einem PES-Antidepressiva; am Rheinknie werden höhere Gewinne als seinerzeit bei Tamiflu erwartet. Naturheilkundler hingegen schwören auf die Wirkung einer chinesischen Wurzel, welche die Elektionsstörungen bekämpfen soll. Psychologen wiederum plädieren für die Einführung von Scheinwahlkämpfen mit professionellen Schauspielern. Diese sollen die Wartezeit bis zum realen Show-Down überbrücken. Fürwahr, eine komplexe Problematik. Doch spätestens im nächsten Wahlkampf werden uns Politikerinnen und Politiker auch dafür eine Lösung präsentieren.

Willisauer Bote (WB), 21. Oktober 2011
© David Koller, 2011

Empfohlen zur Klolektüre

Seinerzeit sah Angela Merkel in der Tat noch etwas verschupft aus. Aber Kohls einstiges kleines Mädchen hat es dem grossen Mann gezeigt. Und sie hat mit ihrem damals noch reichlich unterwürfigen Blick ein Fotosujet geschaffen, das den Titel eines wunderbaren Buchs ziert: 999 Fotowitze aus der Berliner Republik von Martin Sonneborn. Ein Werk, das wir wärmstens empfehlen können. Am besten als Klolektüre. So wird jedes grosse Geschäft zum riesigen Vergnügen.

Sonneborn, einstiger Chefredaktor des deutschen Satiremagazins Titanic ist einer der ganz Grossen. Seine Witze sind stets bitterböse; und herzallerliebst. Vier Beispiele aus seinem soeben erschienen Buch – auf igosana.ch exklusiv ohne die dazugehörenden Bilder:

Merkel zum kleinen Superflic Sarkozy: «Auch andere Mütter haben schöne Töchter…» Seine Antwort: «Ihre auch?»

Merkel im Gespräch mit unserem guten Freund, dem tollen italienischen Cavaliere Berlusconi. Sie: «Nicht, dass Sie irgendwann in diesem ‹Tatort Internet› auftauchen.» Er: «Vorher würde ich RTL2 kaufen, Baby!»

Auch die Kirche kriegt ihr Fett ab. Ein Bild zeigt eine Audienz beim Papst. Ein Geistlicher küsst die Hand des Pontifex. Seine Reaktion: «Ihr küsst irgendwie weicher, Jungs. Habt ihr heimlich geübt?» Der neben dem Küssenden denkt: «Ja, mit mir.»

Zum Schluss ein Witz, der in unseren Augen das Zeug zum Klassiker hat. Es geht um unseren anderen guten Freund, Karl-Theodor von Guttenberg. Seine Gattin Stephanie frägt ihn: «Dein Adelstitel ist aber unantastbar, oder?» Die Reaktion: «Hoffentlich, teuer genug war er!»

Martin Sonneborn: Ich will auch mal Kanzler werden … 999 Fotowitze aus der Berliner Republik, 160 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, CHF 16.90

Die Ausnahme bestätigt die Regel

David Kollers neuste «Carte Blanche» gefällt uns nicht. Zu wenig rund, teils billige Pointen, zu abgehackt. Ein klassischer Fall einer Schreibblockade in einer hektischen Woche. Irgendwann war dann des Geflicks genug, der Text wurde eingereicht. Immerhin lässt sich ob eines solchen Unglücks die selbstgefällige Schlussfolgerung ziehen: Die Ausnahme bestätigt die Regel.

Doch die geschätzte Leserschaft soll selber urteilen:

Wir Politiker

Ehe ich mich versehe, sitze ich im Parlamentssaal. «Jetzt bin ich also Politiker geworden», geht es mir durch den Kopf. Wieso auch nicht? Der Sessel ist bequem, an ihm werde ich noch lange kleben. Das Rüstzeug dazu bringe ich mit: Schon als Kind wurde ich politisiert, wusste was rot und schwarz bedeutet. Die Schulbank habe ich lange genug gedrückt. Doktor kann ich mich zwar nicht nennen, aber das können ja nicht mal alle, die es tun. Den Umgang mit Medien bin ich gewohnt – ich weiss, dass man den Schreiberlingen bald nur die halbe Wahrheit sagen darf, bald den Schmuch machen muss. Es gibt weitere Parallelen: Regierungsratskandidat Urs Dickerhof bezeichnet sich als Sportler. Ich mache regelmässig Sport. Reto Wyss will Brücken bauen. Ich habe den «Brückenbauer» abonniert. Robert Küng wirbt mit einem Sattelschlepper. Ich tu es ihm gleich, nur schon länger. Ein Postauto mit meinem Konterfei kurvt seit bald drei Jahren durchs Hinterland. (Anm: Das Bild dazu gibt es hier)

Nun sitze ich also im Parlament. Vor mir verfasst eine Dame einen französischen Text. Hinter wird über Fussball diskutiert. Der nebenan ist in die Lektüre seiner Zeitung vertieft. «Wir Politiker!» denke ich vorwurfsvoll und amüsiert zugleich. Welcher Fraktion ich wohl angehöre? Die legere Kleidung in unseren Reihen deutet auf das linke Lager hin. Eleganter Zwirn ist nur auf der anderen Seite des Saals zu finden. Krawatten gibt es bei uns keine, schon gar nicht solche mit Kühen oder Schweizerkreuzen darauf. Gottseidank!

Nun sollte ich mich aber mal zu Wort melden. «Nein, die Steuern nicht senken», will ich in den Saal rufen. Und: «Hört endlich auf, alles den Ausländern zuzuschieben!» Doch da dämmert es mir, ich erwache aus meinem Tagtraum. Ja, ich sitze im Parlament. Aber nur, weil Wahlsonntag ist. Heute ist der Kantonsratsaal Arbeitsplatz von uns Journalisten. Jene mit den Krawatten sind vom Fernsehen, die Dame vor mir schreibt für ein Westschweizer Medium. Also bin ich doch kein Volksvertreter; nur einer, der diese beobachtet, ihre Gedanken zu verstehen versucht; mal zustimmend nickt und mal die Faust im Sack ballt, weil auch ich wiedergewählt werden will – von unseren Abonnenten. Und was war das nun, Traum oder Albtraum? Ich kann es nicht sagen. Nur eines weiss ich jetzt: Oft schimpfen wir Medienschaffenden über Politiker. Oft sie über uns. Grundlos. Denn an sich sind wir doch ziemlich gleich.

Willisauer Bote (WB), 15. April 2011
© David Koller, 2011

Nun denn, sei es halt so. Publiziert ist publiziert. Zum Schluss liefern wir als kleines Zückerchen und Wiedergutmachung ein kleines Rätsel nach. Wo befindet sich auf diesem Bild – entstanden am Wahlsonntag im Luzerner Regierungsgebäude und schamlos gestohlen von der Website einer grossen Konkurrentin – unser kleiner Schreiberling und Möchtegernpolitiker?


Politische Misstöne

Wahlkampf herrscht, auch im Kanton Luzern. Aus diesem Grund hat Herr Koller igosana.ch in den letzten Tagen arg vernachlässigt. Zuviel Arbeit stand auf der Redaktion in Willisau an, zudem hat unser Chief-Trash-Director erneut ein Wahlpodium moderiert.

Eine kleine Facette des Luzerner Wahlkampfs wollen wir unseren Lesern aber trotzdem nicht vorenthalten. SVP-PR-Chef und wohl bald auch Kantonsrat Anian Liebrand (Jg. 1989) hat vor kurzem ein politisch motiviertes Rap-Video auf Youtube gestellt:

In Kreisen der jungen Linken des Kantons ist Liebrand – gelinde ausgedrückt – nicht eben ein Liebling. Die Replik liess denn auch nicht lange auf sich warten. Die Antwort von Mike der Luzerner Combo «GeilerAsDu» ist deutlich genug:

Die Redaktion von igosana.ch hält sich für einmal mit Kommentaren zurück – weil eben Wahlkampf herrscht und Polit-Journalisten neutral sein sollten. Die sehr geschätzte Leserschaft soll sich selber ein Urteil darüber bilden, welches der beiden Elaborate von besserer Qualität ist.