Schlagwörter: Sarajevo

Zynisches Geplapper

Am Dienstag hat im Prozess um Radovan Karadžić, den Führer der bosnischen Serben im Sezessionskrieg von 1992 bis 1995, die Phase der Verteidigung begonnen. Der ehemalige Psychiater verzichtet dabei auf einen Anwalt und hält die Plädoyers für sich selber. Was er dabei von sich gibt, lässt erschaudern. Unter anderem schwadronierte er am ersten Tag:

  • Er sei nicht schuldig. Vielmehr habe er versucht, den Krieg zu verhindern und etliches menschliches Leid gelindert.
  • Er sei eine milde und tolerante Persönlichkeit, die viel Einfühlung für andere Menschen besitze.
  • Den Beschuss eines Marktes in Sarajevo – 22 für Brot anstehende Menschen starben – hätten Feinde der Serben orchestriert.

300 Stunden hat das Gericht Karadžić für seine Verteidigung zugestanden. Bleibt zu hoffen, dass die Angehörigen des Tribunals in Den Haag eine solche Tortur mit dermassen viel dermassen zynischem Geplapper unbeschadet überstehen. Denn die Zahl von Karadžićs Opfern soll nicht noch grösser werden.

Faszinierendes Bild

Dieses Bild wurde der Redaktion heute von einer Mitstudentin aus dem Sprachaufenthalt in Bosnien zugestellt. Das Foto entstand im Vorort Novo Sarajevo, unweit der Sprachschule. Weil uns die Bildkomposition so ungeheuer gefällt, stellen wir es kurzerhand auf igosana.ch.

PS: Lediglich als Randnotiz sei erwähnt, dass es sich bei der Fotografin des Werkes um eine der beiden zu Beginn des Sprachaufenthaltes arg verunglimpften Italienerinnen handelt.

Der ewige Schwarzfahrer

Eifrige Leser haben es längst erkannt, die Trams in Sarajevo haben es David Koller angetan. So verwundert es auch nicht sonderlich, dass er seine neuste  «Carte Blanche» im «Willisauer Boten» den durch die Strassen der Haupstadt Bosniens rollenden Saunas widmet.

Manche lernen es nie

Sarajevo im Juli. 38 Grad zeigt das Thermometer an. Ein junges Schweizer Paar wagt das Abenteuer: Es will Tram fahren. Das ist in der Hauptstadt Bosniens ein Erlebnis. Vor allem im Sommer. Denn das Rollmaterial stammt aus einer Zeit, in der Sarajevo noch in einem Land namens Jugoslawien lag. Die Gefährte zuckelten schon während der Winterolympiade von 1984 durch die Strassen, und sie blieben ein paar Jahre später im Krieg auf ihnen liegen. Steinalt sind die Trams, und stets vollgestopft. Dadurch erhöht sich im Innern die Temperatur proportional: Zweihundert Personen drängen sich auf engstem Raum, die Fenster lassen sich nur einen Spalt weit öffnen. Wie heiss es in diesen mobilen Schwitzkästen wird, will man gar nicht wissen.

Trotzdem steigt das Paar zu, schafft es beim Fahrer Tickets zu erwerben und schiebt sich ins Gedränge – vorbei an einer glutäugigen Schönen und einer schwitzenden Grossmutter. Nun folgt der Auftritt eines dritten, schon ein paar Stationen eher zugestiegenen und entsprechend transpirierenden Schweizers. «Ihr müsst die Billette entwerten», sagt er. «Auch im Tram gekauft sind sie nur abgestempelt gültig», schiebt er nach und bietet an, sich zum Entwerter durchzukämpfen. Er gehe hier zur Schule, erzählt er danach mit geschwollener Brust. Die Sprache sei schwer, aber es gehe immer besser. Gross ist die Dankbarkeit, als ein paar Stationen später tatsächlich Kontrolleure auftauchen.

Dieser Unbekannte, der sich in der Hitze des Balkans mit den Tücken einer südslawischen Sprache abplagt und gleichzeitig Touristen vor Bussen bewahrt, bin ich. Aber unter uns, ich war nicht ganz ehrlich. Vor den Landsleuten machte ich auf souverän und mimte den Kenner. Dabei enthielt ich ihnen vor, dass ich an meinem ersten Tag in der Stadt just ihren Fehler gemacht hatte. Zwar kaufte auch ich brav einen Fahrschein, entwerte ihn aber nicht. Prompt geriet ich in eine Kontrolle. Die Busse betrug umgerechnet 20 Franken. Das ist verkraftbar. Meinem Ego indes hat es enorm geschadet. Zumal solche dummen Vorfälle auch schon in der Heimat passiert sind – aufmerksame Leser erinnern sich. Vor allem jedoch, weil entsprechende Hinweise im Tram angebracht waren, ich diese aber schlicht nicht verstand. Doch das behielt ich für mich. Es müssen ja nicht alle wissen, dass ich gewisse Dinge einfach nie lerne.

Willisauer Bote (WB),  6. August 2010
© David Koller, 2010

Ironisierter PS-Fetischismus

In den Ferien hat man endlich mal wieder Zeit, seine Leibblätter von vorne bis hinten und samt Beilagen durchzulesen. So sind wir im Magazin der in Sarajevo sündhaft teuren deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» auf folgenden wunderbar ironischen Autotest gestossen:

Auto: Mark Spörrle fährt den VW Touareg NF 3.0 TDI

Einer für alle Fälle

Früher hätte so mancher an dieser Stelle provokant gefragt, ob man DIESES Auto denn wirklich braucht. Das war vor dem Scheitern des Umeweltgipfels in Kopenhagen und vor der Finanzkrise. Als gutgläubige Menschen hofften, unsere Politiker könnten unsere Welt tatsächlich retten. Ausgenommen vielleicht ein paar kleinere, ohnehin bald überflutete Inseln wie Tuvalu. Oder eventuell Sylt. Heute wissen wir: Die Politiker, sie können uns nicht retten. Gut also, dass es den neuen Toureg gibt. Kein Simulanten-SUV. Ein echter Offroader mit jeder Menge Bodenfreiheit und dem «Komfort» einstellbarer Luftfederung. Features, mit denen man in schlaglochübersäten deutschen Orten endlich wieder geradeaus fahren kann. Auch dann – man weiss ja nie, was noch kommt –, wenn es irgendwann keine Strassen mehr gibt: Mit Allradantrieb und sperrbaren Differenzial schafft der Touareg es bis zu 45 Prozent Steigung. Dabei könnten durch das extra grosse Glasdach zwei auf den Sitzen stehende Erwachsene Äpfel pflücken.

Oder – man weiss ja nie, was noch kommt – Rehe oder Radfahrer mit dem Lasso fangen. Auch nachts; eine Taschenlampe wird mitgeliefert. Bis dahin passt der mit Leder, Alu und Edelholz gestaltete Innenraum eher zu einem luxuriösen Langstreckenwagen. Jede Menge elektronischer Helfer. Enorm viel Platz. Auf der Festplatte des Auto-/Navigationssystem lassen sich Musik und Filme speichern. Die Ablage, formerly known as Handschuhfach, ist kühlbar und hat iPod-Anschluss. Ein Auto, in dem man – man weiss ja nie – notfalls wohnen könnte, zumindest aber die Angst vor dem nächsten Stau bekämpfen kann. Jedenfalls fast; leider wurde in der Sonderausstattung die Bordtoilette vergessen.

Bei freier Fahrt kein Problem. Strassenlage hervorragend, auch bei 200 Stundenkilometern. Nicht mal der Zeiger der Tankuhr wackelt. Was zum einen daran liegt, dass der Tank ganze 100 Liter fasst. Zum anderen aber auch daran, dass der neue Touareg 200 Kilo leichter und etwa ein viertel sparsamer ist als sein Vorgänger und sich ganz vernünftig zwischen acht und zehn Litern fahren lässt.

Früher, als man unter umweltbewussten Nachbarn noch den Verbrauch seines Wagens kleinrechnete, wäre das für ein solches Trumm von Auto ein respektabler Wert gewesen. Heute freut man sich eher, dass – man weiss ja nie – man damit bis in die Schweiz käme. Und falls das Wasser doch schneller ist? Nun, die Wattiefe beträgt 50 Zentimeter. Und die nächste Touareg-Generation wird vermutlich auch noch schwimmen können.

Mark Spörrle ist stellvertretender Chef vom Dienst

Zeit Magazin Nr. 30, 22.07.2010

Von wegen heiss

Es ist paradox. Wiederholt hat David Koller über die hohen Temperaturen in Sarajevo gejammert. Jetzt ist er zurück in der Schweiz. Und was hat er neben einem hübschen Diplom für den Besuch einer Sprachschule sonst noch vom Balkan mitgebracht? Eine veritable Erkältung. Verantwortlich dafür ist das 16. Sarajevo Filmfestival.

top_left.png

Denn die Veranstaltung mit dem Herz im Logo hatte einige gute Filme im Programm, aber auch Kinosäle, die fast auf den Gefrierpunkt heruntergekühlt waren. Nichts für Sensibelchen in Shorts und Kurzarmshirts. Gleichwohl, der Besuch hat sich gelohnt. Folgendes hat sich Herr Koller zu Gemüte geführt:

Die drei Dokumentationen

ZAJEDNO (Together)
5fa9980a911a274eec4e3441d8be3f38.jpg
Nenad Puhovski, Kroatien, 2009, 87 min
Unsere Bewertung: 4 von 5 Punkten

KAPITALISM – RETETA NOASTRA SECRETA (Kapitalism: our improved formula)
f9258dd3236d9f43976a47cecb19cd51.jpg
Alexandru Solomon, Rumänien, Frankreich, Belgien, 2010, 80 min
Unsere Bewertung: 2 von 5 Punkten

POPLAVA (The flood)
5ebc709a3118019369ecf3cd6ec60f95.jpg
Goran Dević, Kroatien, 2010, 40 min
Unsere Bewertung: 3 von 5 Punkten

Sowie den Spielfilm

JASMINA
468aa07b509b1b2562a37d230bbf0240.jpg
Bosnien und Herzegowina, 2010, 90 min
Unsere Bewertung: 4 von 5 Punkten
Dieses tragischkomische Märchen um das Schicksal des kleinen Mädchens Jasmina, das mit seiner Grossmutter aus dem belagerten Sarajevo an die Adriaküste flieht, dürfte es wohl auch in westeuropäische Kinosääle schaffen und hier für einige Entzückung sorgen.

Leider ausverkauft war:

DUGO PUTOVANJE KROZ ISTORIJU, HISTORIJU I POVIJEST BALKANA (The long road through balkan history)
a6e9dbac6f2baee41ea0277a5f3e1560.jpg
Željko Mirković, Serbien, 2010, 58 min