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Endlich hat sichs ausgedient

Religion und Militär. Zwei Dinge, mit denen man sich als Autor einer Lokalzeitung ordentlich die Finger verbrennen kann. Trotzdem hat sich David Koller in seiner neusten «Carte Blanche» der Schweizer Armee angenommen. Immerhin geht es um einen Moment, den er seit seinem 19. Lebensjahr herbeisehnt: die Entlassung aus der Militärdienstpflicht.

Im Nachhinein könnte man sich fragen, wieso einer wie Koller überhaupt hingegangen ist und bis zum bitteren Ende gedient hat? Eine berechtigte Frage. Wahrscheinlich hat er es einfach verschlafen, sich um den Zivildienst zu kümmern – so wie Herr Lehmann in Sven Regeners lesenswertem Roman «Neue Vahr Süd» (Frankfurt am Main, 2004). Vielleicht war er auch schlicht zu feige dazu, denn damals war Zivildienst in der Provinz noch ziemlich ungewöhnlich.

Selber Schuld!

Da ist sie also, die Abrechnung mit der Armee. Zugegeben, sie ist ziemlich brav ausgefallen. Auch hier war unser Sdt Koller wohl wieder etwas zu anpasserisch.

Allfällige beim «Willisauer Boten»  eingehende Reaktionen werden auf igosana.ch selbstverständlich nachgeliefert.

Das Ende keiner grossen Liebe

«Wir erwarten auch am letzten Diensttag ein korrektes Auftreten (Verhalten, Tenue)», steht auf dem «Merkblatt für die Entlassung aus der Militärdienstpflicht». Geschafft: 103 Tage Rekrutenschule sind im Dienstbüchlein fein säuberlich vermerkt; während 130 Tagen verteidigte ich das Vaterland in Wiederholungskursen. Jetzt werde ich ausgemustert.

Die Armee und ich. Eine grosse Liebe war das nie. Mein Leistungsausweis ist bescheiden. Gar die Beförderung zum Gefreiten blieb mir verwehrt. Nie fiel ich auf. Nur einmal gab es Tadel wegen unkorrekten Verhaltens: als Rekruten sputeten wir zur Kaserne, um rechtzeitig aus dem Ausgang zurück zu sein. Rennen im Tenue A – mit Krawatte und Kittel – sei nicht erlaubt, belehrte uns der Leutnant an der Pforte. Am Ende meiner Karriere kam mir dann die zweifelhafte Ehre zu, in der letzten Nacht des letzten WKs Wache zu schieben. Warum, wollte mir niemand erklären. «Es ist einfach so», lautete das wenig überzeugende Argument. Vielleicht war die glorreiche Wach-Derniere eine späte Retourkutsche für das Rennen in Ausgangsuniform. Eher aber ist sie darauf zurückzuführen, dass ich 2007 mein Gewehr abgeben durfte. Als «waffenlose Susi» bekam ich seither so manch unbeliebte Aufgabe aufgebrummt. Damit indes konnte ich leben, war es doch das kleinere Übel. Denn das mit dem Schiessen, das ging gar nicht. Ich wage zu behaupten, einer der schlechtesten Schützen zu sein, den das Heer je auszubilden versuchte. Soldaten wie ich sind ein gewaltiges Argument gegen eine Milizarmee.

Es gab aber auch Gutes: einer meiner heute besten Freunde war in der RS mein Korporal. Zudem lernte ich im Militär mit grossen Fahrzeugen herumzukurven. Und mit schnarchenden und allerlei Körpergase – nach dem Ausgang mitunter auch Körpersäfte – ausstossenden Männern in engen Räumen zu schlafen; im Dienst wird man unkompliziert. Nie gewöhnen konnte ich mich aber an die Leerläufe und die ewige Warterei. Obschon man sich selbst dies zum Nutzen machen kann: nirgends las ich so viele Bücher wie im WK.

Tempi Passati. Am 1. Dezember werde ich den grünen Karsumpel ein letztes Mal aus dem Keller holen. Trotz der Ermahnung zum korrekten Auftreten garantiere ich für nichts. Einen Freudensprung beim Verlassen des Zeughauses kann mir niemand verbieten.

Willisauer Bote (WB),  5. November 2010
© David Koller, 2010

Vermaledeites Facebook

Und wieder geht es um dieses vermaledeite Facebook: In seiner neusten «Carte Blanche» beklagt sich David Koller über das schändliche Verhalten von alkoholisierten Freunden.

Facebook verliert ein Gesicht

In einem Interview erklärte Mark Zuckerberg unlängst, er finde Privatsphäre nicht mehr zeitgemäss. Verständlich, denn der 26-Jährige, der die Harvard University ohne Abschluss verliess, verdient sich mit der Zerstückelung der Privatsphäre ein goldenes Näschen, längst ist er Multimilliardär. Zuckerberg ist der Erfinder des online-Kontaktnetzwerks Facebook. Millionen Gesichter sind darauf zu finden. Meines nicht. Ich gehöre zu den Ewiggestrigen, die sich dagegen wehren. Der Frage «Bist du auch auf Facebook» entgegne ich jeweils ein trotziges «Nein!»

Am vergangenen Wochenende indes war plötzlich alles anders. Im Posteingang meines Computers häuften sich Mitteilungen wie «X hat dich als Freund bestätigt», «Y hat eine Nachricht auf deine Pinwand geschrieben». Ein Bekannter gelangte per Email an mich und wollte schadenfreudig wissen, wieso ich als erklärter Verächter meinen Bann gebrochen habe. «Welche sicher geglaubte Bastion des Cyberspace wird als nächste fallen?», schob er spöttisch nach. «Endlich mal ein Schöner auf Facebook» heftete eine Kollegin schmeichelnd eine Mitteilung an meine Pinnwand.

Schuld an all dem waren Freunde in bierseliger Stimmung. An einem Fest oben am Nebiker Stämpfelberg machten sie mich zum Jünger Zuckerbergs. Zugegeben, ich hatte schon ein Konto: als der WB eine Facebook-Gruppe eröffnete, wollte ich diese begutachten und schrieb mich ein. Damit hatte es sich, daraufhin gammelte mein Account ungenutzt in den Tiefen des Internets vor sich hin. Am Samstag aber öffnete ich ihn meinen Freundinnen und Freunden. «Macht damit, was ihr wollt. Mir ist es egal», sagte ich in einem Anflug von unendlicher Naivität – und ging nach Hause. Ein grosser Fehler: schon auf dem Heimweg begann mein Handy zu vibrieren und die ersten Bestätigungen von Kontakten trafen per Email ein. Das nach Mitternacht, scheinbar nimmt das Facebook-Imperium seine Sklaven zu jeder Uhrzeit in Beschlag.

Email über Email. Am Sonntagabend hatte ich die Nase voll und schaltete das Konto aus. Facebook muss ohne mein Gesicht auskommen und wird es verkraften. Bei all jenen, die mir eine Mitteilung schickten, entschuldige ich mich fürs schändliche Ignorieren. Aber ruft doch mal an oder kommt vorbei, so funktionierts nämlich auch noch.

Willisauer Bote (WB),  10. September 2010
© David Koller, 2010

PS: Ein Redaktionskollege monierte – zwar beseelt von jugendlichem Übermut, aber durchaus zu recht –, dass es in Kollers Kolumnen regelmässig um Alkoholkonsum gehe. Dem ist leider nichts passables entgegenzuhalten. Ganz schön monoton scheint es zu sein, das Leben unseres Studalisten.

Postsowjetische Kommunikationspolitik

Hoppla! Da wären wir aber gerne mitgeflogen. So gesehen im «Tagesanzeiger» vom 11. März 2010:

Piloten waren sturzbetrunken

Ausgesprochen angeheitert ist eine Flugzeug-Crew in der Ukraine zu einem Flug mit 86 Passagieren angetreten. Die Sicherheitskräfte auf dem Flughafen Simferopol auf der Halbinsel Krim konnten den Start der Maschine gerade noch rechtzeitig verhindern. Die Piloten und Stewardessen hätten zwischen 3 und 3,5 Promille im Blut gehabt.

Ungeschoren dürften die Trunkenbolde nicht davonkommen: Unter den Passagieren war auch die ukrainische Vizegeneralstaatsanwältin Tatjana Kornjakowa. Sie forderte eine Untersuchung der Flugsicherheit in ihrem Land. (SDA)

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So ein Pech auch, dass ausgerechnet die Kornjakowa im Flieger sitzen musste. Der involvierten ukrainischen Fluggesellschaft Donbassaero scheint der Vorfall auf jeden Fall doch ein bisschen unangenehm zu sein. Auf der Webseite der Airline äussert sich Generaldirektor Aleksandr Gretschko höchstpersönlich wortreich zum Ereignis und gelobt Besserung, was für ein postsowjetisches Unternehmen auch heute noch eine doch eher ungewohnte Kommunikationspolitik darstellt.

Saufen können sie immer noch. Scheinbar lernen sie jetzt aber langsam, auch darüber zu reden.

Nachtrag
Unter uns, die Jungs hätten die Yak-42 sicher souverän an ihr Ziel gebracht, davon ist die Redaktion von igosana.ch überzeugt. Und die ebenfalls mächtig angeheiterten Stewardessen hätten garantiert dafür gesorgt, dass auch in der Kabine bald niemand mehr nüchtern gewesen wäre – dann hätte sich keiner mehr Sorgen gemacht.

Allenfalls könnte man die untenstehende Liste über Coolness gleichwohl wie folgt ergänzen. Cool ist es,

  • mit 3,5 Promille in Pilotenuniform und der Absicht, einen gutbesetzten Airliner zu fliegen, über ein Rollfeld zu torkeln.

Man ist halt keine zwanzig mehr

Sie wollen es zwar nicht wahr haben, aber auch Berufsjugendliche werden älter. Dazu David Kollers neuste «Carte Blanche», veröffentlich im «Willisauer Boten» vom 8. Januar.

Libor statt Libido

«Wird eine Schwangere schöner, wächst in ihrem Bauch ein Junge heran. Verändert sich ihr Äusseres negativ, wirds ein Mädchen.» Oder: «Minarette zu bauen ist weniger gefährlich, als den Gebrauch von Kondomen zu verbieten.» Es ist geradezu beängstigend, worüber wir uns mittlerweile an Männerabenden unterhalten. Prahlten wir weiland bierseelig von verflossenen Alkoholexzessen, sprechen wir heute über Schwangerschaften oder Abstimmungsresultate; über in falsche Aktien investiertes Geld oder den Gout des Weines. Früher freuten wir uns darüber, absurde Gerüchte zu verbreiten; heute über gelungene Innenrennovationen oder den zweiten Zahn eines Sprösslings. War vor ein paar Jahren die oberhalb des Gürtels langsam aber unaufhaltsam wachsende Speckfalte noch ein Tabuthema, ist sie mittlerweile fast ein bisschen zum Statussymbol geworden. Es kommt noch dicker: statt von schönen Frauen sprechen wir jetzt über die günstige Finanzierung des Eigenheims dank veränderlichem Zinssatz – Libor statt Libido.

Das Schlimme daran: ich finde es gar nicht so übel, über solche Dinge zu reden. Ich habe zwar keine Kinder – bislang hat es mir noch nicht mal zu einer Patenschaft gereicht. Auch Hypotheken brauche ich keine, denn mein bescheidenes Heim gehört nicht mir, sondern meinem Vermieter. An der Börse habe ich noch nie einen Franken verloren – und auch noch nie einen gewonnen. Zudem ist es mir ziemlich egal, ob ein Wein kirschfruchtig ist, oder einen harmonischen Abgang hat. Hauptsache, ich finde ihn gut. Und trotzdem: ich höre zu und rede mit.

Die Zeit rennt. Vor rund 33 Jahren war meine Mutter noch schöner als sonst, denn sie hatte einen kleinen Knaben in ihrem Bauch: diese Woche feierte ich Geburtstag. 33 ist eine hübsche Schnapszahl. Aber sie ist auch Indikator dafür, dass man langsam zum alten Eisen gehört, auch wenn man sich mitunter noch wie ein Junge benimmt – etwa an Männerabenden. An sich hat sich an diesen wenig verändert: wir freuen uns auf das Fest, so wie sich Kinder auf Weihnachten freuen. Ist es dann soweit, fliesst der Alkohol in Strömen, der Lautstärkenpegel steigt und das Niveau sinkt. Doch es sinkt anders als noch vor ein paar Jahren. Analysiere ich unsere heutigen Gesprächsthemen, steht eines fest: wir werden alt. Aber dafür bin ich doch noch viel zu jung!

Willisauer Bote (WB),  8. Januar 2010
© David Koller, 2010