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Toygirls, Tränen und TV-Trash

Heuer kam David Koller die Ehre zu, die letzte «Carte Blanche» des Jahres zu schreiben. Vielleicht ist sie etwas wild und gar verspielt geraten, aber grundschlecht ist sie nicht – finden zumindest wir.

Bachelors und Berlusconis

2012 war ein teures Jahr. Den Startschuss setzte vor Giglio ein von Testosteron gelenkter Gigolo, indem er einen schwimmenden Konsumtempel auf Grund setzte und damit eine halbe Milliarde Euro. Bei einer einst angesehenen Schweizer Institution wiederum manipulierte ein von Gier gelenkter Mitarbeiter den Leitzins. Seinen ehemaligen Arbeitgeber kostete das 1,4 Milliarden Franken. In Russland mussten drei vom Freiheitsstreben gelenkte Frauen feststellen, wie teuer es ist, sich mit dem neuen alten  Zaren anzulegen. In Zürich realisierte ein von Herrliberg aus gelenkter Professor, dass Staub eauf Museumsexponaten sehr hohe Kosten verursachen kann.

Doch wieso nur von Geld reden? Die Liebe! In England haben die Fortpflanzungsversuche einer vom Aussterben bedrohten Spezies endlich gefruchtet: die Duchess of Cambridge ist schwanger. Hingegen zeigt sich in Italien abermals, wie fatal die Mischung aus Viagra und viel Geld sein kann. Berlusconi und sein um Jahrzehnte jüngeres Toygirl. Für einen weiteren Tiefpunkt sorgte ein Zürcher Spielzeug, der Bachelor. Die von ihm und seinen Herzensdamen verbreitete Nachricht: Im TV ist die Talsohle noch nicht erreicht – öffentliche Prostitution unter dem Deckmantel der Liebe. Wie grausam Letztgenannte sein kann, musste ein Schätzeli der Nation feststellen. Früher gemeinsam besungene Tränen sind besonders bitter. Ach Flöru, hoffentlich wirst du nie Seefahrer!

Und im WB-Land: Was hat uns 2012 gelehrt? Dass es Liebe eben doch gibt. Schötz und Ohmstal habens gezeigt – auch wenn Geld bei dieser Heirat nicht ganz unentscheidend war. Nicht eben Feuer und Flamme war man hingegen in Ufhusen zur geplanten Fusion der Brandbekämpfer. Auch Asylbewerbern schlägt nach wie vor erschreckend wenig Liebe entgegen. Ebersecken und der Natelempfang: Kommts wenigstens hier zum Happy End? Noch steht es in den Sternen. Klar ist indes, dass der Kanton sparen muss. Auch das Hinterland bekommt dies zu spüren. Verantwortlich hierfür ist nicht Testosteron, allenfalls aber Gier.

Gefragt sind nun Steuerleute mit Weitsicht, die den Kahn nicht auf Grund setzen. In dem Sinn: Auf dass das neue Jahr ein billigeres wird – ohne Budgetüberschreitungen; aber auch ohne Bankenskandale, Börsencrashs, Bachelors und Berlusconis.

Willisauer Bote (WB), 28. Dezember 2012
© David Koller, 2012

Zurück im Hotel-Mama

Eigentlich wollte David Koller auch in seiner neusten «Carte Blanche» auf den unglücklichen Havaristen Schettino eingehen. Vor allem der derbe Spruch des Kommandanten der italienischen Küstenwache – «Vada a bordo, cazzo!» – hatte es ihm angetan. Doch der Text mit dem Arbeitstitel «Wir Muttersöhnchen» wurde mit der Zeit zu wirr. Immerhin: ein Teil davon floss schliesslich in dieses Machwerk ein:

Textile Askese

«Die Beschaffung von Militärflugzeugen hat in der Schweiz seit je grossen Unterhaltungswert», sagte unlängst SP-Urgestein Helmut Hubacher. Ich bin seiner Meinung und schlage eine alternative Verwendung der budgetierten 3,1 Milliarden Franken vor: Kaufen wir daraus Waschmaschinen!

Nur schon meine Nachbarn und ich würden enorm profitieren. Erlöste uns dieser Grosseinkauf doch von einer unfreiwilligen textilen Askese. Schuld an dieser ist unser Vermieter. Er hält es in einem Haus mit 14 Wohnungen nicht für nötig, mehr als eine Waschmaschine zur Verfügung zu stellen. Nur alle zwei Wochen dürfen wir folglich dem Schmutz an die Wäsche. Meiner Liebsten und mir öffnet der Gralshüter die Tür zu den heiligen Hallen von Coral und Persil jeden zweiten Donnerstag. Was aber, wenn man dann unabkömmlich ist, etwa wegen der Arbeit? Drei Lösungen bieten sich an: a) Nase zu und durch – schmutzige und längst nicht mehr nach Alpenbrise duftende Kleider werden weiter getragen. b) Das Arbeitspensum wird des Waschtags wegen reduziert (darunter leiden aber Haushaltseinkommen und Volkswirtschaft). Persönlich habe ich mich für Variante c) entschieden: Wäschetourismus. So wie damals, als ich meine erste Wohnung hatte und am Wochenende mit einem Sack voller Schmutzwäsche beim Hotel-Mama anklopfte.

Das muss ein Ende haben! Erlauben Sie mir deswegen folgendes Rechnungsmodell: Nehmen wir an, eine Waschmaschine kostet 6000 Franken. Es gibt deutlich billigere, aber auch teurere Exemplare. Unseres entspricht somit dem Gripen, der gemäss Armeeführung in etwa ein VW ist. Dividieren wir die 3,1 Milliarden Franken durch 6000, kommen wir auf rund 516 000 Waschmaschinen. Damit liessen sich alle Mietkasernen ausrüsten, deren Bewohner nicht mindestens einmal pro Woche waschen dürfen. Ferner würden ein paar Exemplare dem «World Economic Forum» zur Verfügung gestellt. Statt ihrer jetzigen Aufgabe – das Überwachen der Flugverbotszone über Davos – könnte sich die Luftwaffe fortan der schmutzigen Wäsche der vermeintlichen Elite widmen. Den Rest der Maschinen lagerten wir in einem Bunker, als Reserve. Damit diese sicher nicht vergessen ginge, kreiste Tag und Nacht eine F/A 18 über dem Bunkereingang. Somit hätte die Luftwaffe auch in Zukunft etwas zu tun. Und ich hätte wieder saubere Wäsche.

Willisauer Bote (WB), 24. Februar 2012
© David Koller, 2012

PS: T-Shirts mit der Aufschrift «Vada a bordo, cazzo!» sind auf dem Markt erhältlich. Eine Kombination von Schettino und Kollers Wäscheproblem hätte somit durchaus Sinn gemacht. Aber die Zeit lief davon, und die gute Idee für eine Kombination wollte einfach nicht kommen. Das sind die Leiden eines Schreibenden.

Schettino is everywhere

Funchal, Hauptstadt der portugiesischen Atlantikinsel Madeira. Fast täglich machen sie im Hafen halt, die riesigen Kreuzfahrtschiffe. Bis vor einem Monat hätte man wohl geschrieben, sie lägen majestätisch im Hafen.

Heute ist alles anders. Die einst so stolzen schwimmenden Luxushotels haben viel von ihrem Glanz verloren. Verantwortlich dafür ist Francesco Schettino, Kapitän der «Costa Concordia». Vor der Havarie himmelten ihn seine Passagierinnen an, seine Passagiere begegneten ihm mit Ehrfurcht. Tempi passati. Aus einem ganzen Kerl wurde eine Witzfigur.

Plötzlich ist die Verlockung gross, im Hafen schadenfreudig mit einem Transparent mit der Aufschrift «Schettino is everywhere» auf die Passagiere zu warten, die eine Stange Geld für die Reise ausgegeben haben und ihre Ferien wohl vor einigen Wochen noch mehr hätten geniessen können.

Schettino wurde zum Anti-Sully. Während es Chesley Sullenberger im Januar 2009 schaffte, einen antriebslosen Airliner sicher auf dem Hudson zu wassern und dadurch all seinen Passagieren das Leben zu retten, versaute es der Itailiener drei Jahre später gehörig. Er, das Sinnbild des südländischen Machos, hat mit seinem Handeln Menschen getötet, eine Unmenge Geld vernichtet und den Glamour der Kreuzfahrtschiffe ruiniert. Zu betrachten gibt es sein Werk hier.

Der Italiener hat gravierende Fehler gemacht, das ist unumstritten. Gleichwohl wird man den Verdacht nicht los, dass er jetzt als Sündenbock herhalten muss. Eine Industrie, die nach aussen glänzt, hinter den Kulissen aber längst nicht immer mit lauteren Mittel arbeitet – Stichwort Arbeitsbedingungen und Entlöhnung des Hilfspersonals – will sich reinwaschen indem sie Schettino vorführt.

Trotzdem: auch wenn er zum Sündenbock stilisiert wird, wird Schettino unfreiwillig auch zur Ikone all jener, deren Auftreten mehr Schein als Sein birgt. Wie gerne fallen wir doch immer wieder darauf herein.

Gerade auf Madeira ist diese Welt der glänzenden Kulissen omnipräsent. Über Jahre wurde auf der Insel mit Bauwerken geklotzt. Die Verlängerung der Piste auf dem Flughafen machte diesen sicherer. Gleichzeitig ist sie aber auch eines der teuersten und aufwändigsten Bauwerke, dass in Portugal je realisiert wurde. Die unzähligen Tunnels wiederum, welche die Insel säumen, erscheinen mitunter schon ziemlich überdimensioniert und fehlplatziert. Sinnbild dafür ist dieses Bauwerk, dass zu einem Leuchtturm an der Westküste führt.

Die Strasse wird täglich im besten Fall von 100 Touristenautos frequentiert. Und gleichwohl baute man im Tagbau einen Tunnel. Wieso der bisherige Weg nicht mehr ausreichte, bleibt ein Rätsel.

Aber jetzt ist genug. Schettino hat den Ruf seiner Industrie ruiniert und die EU hat Portugal unmissverständlich klar gemacht, dass Sparen angesagt ist. Nicht zuletzt auf Madeira, das zu den am höchsten verschuldeten Regionen des Landes zählt.

Wir kommen dadurch zum letztlich reichlich banalen Schluss, dass es mitunter einen Schettino braucht, der uns die Realität vor Augen führt – oder einen mahnend den Rotstift erhebenden Politiker. Oder ganz einfach, dass weniger Glanz mitunter mehr ist. Sei es auf den Weltmeeren, in Portugal oder Griechenland, am Arbeitsplatz oder auf der Strasse: Potemkinsche Dörfer gibt es überall.