Powersätze von Phil-Eins-Studenten

Immer mal wieder wird an dieser Stelle ein Loblied auf die Geisteswissenschaften angestimmt. Nicht zuletzt, um damit dem dauernden Geschrei nach mehr Ingenieuren Paroli zu bieten. Weil wir aber den Anspruch erheben, ein ausgeglichener und undparteiischer Blog (hi hi hi) zu sein, bringen wir nun einige herrliche Phil-Einser-Klischees aufs Parket – mit bestem Dank an das «Titanic-Magazin».

Das Amüsante daran: Viele dieser abgedroschenen Phrasen haben wir während des Studiums so oder in ähnlicher Form tatsächlich gehört.

  • Nach jeder Sitzung konnte ich spüren, wie ich weiter in die politische Mitte rutschte und zum Sozialdemokraten wurde.
  • Später kam ich ins Jugendparlament und bin einer lokalen Jugendpartei beigetreten.
  • Oft sass ich mit Kommilitonen da und diskutierte bei Rotwein über soziale Gerechtigkeit.
  • Nach dem Auslandssemester wusste ich: Ständig über das System zu schimpfen, reicht mir nicht mehr.
  • Irgendwann wurde mir der Druck zu gross. Ich beschloss, das Studium abzubrechen. Seitdem geht es mir viel besser. Ich brauche einfach noch Zeit, um in Ruhe alles durchzulesen und mich politisch zu festigen.
  • Zum Glück habe ich den Blog irgendwann gelöscht.
  • Das ist doch total undifferenziert.
  • Jegliche Form von Herrschaft und Macht lehnen wir ab.

In dem Sinne: Mehr Geisteswissenschafter braucht das Land!

Plädoyer für die Geisteswissenschaften

Zweifelsohne ist die «NZZ am Sonntag» die Schweizer Sonntagszeitung mit dem meisten Tiefgang. Das hat sie dieses Wochenende wieder einmal bewiesen, mit einem klugen Kommentar von Chefredaktor Felix E. Müller.

Dessen Plädoyer für die Geisteswissenschaften ist ein Gegenentwurf zum derzeit angesagten Ruf nach mehr Ingenieuren und Ärzten. Dass solche fehlen, ist nicht von der Hand zu weisen. Genauso unbestritten ist, dass die Berufslehre ein Erfolgsmodell ist, das keinesfalls verdrängt werden darf. Aber: Auch die Ausbildung von Geisteswissenschaftern hat ihre Berechtigung. Mitnichten ist sie grundsätzlich sinn- oder gar nutzlos, wie dies mitunter postuliert wird.

Zu Recht schreibt Müller:

Weniger Studenten und mehr Lehrlinge, weniger Historiker und mehr Ingenieure: Solche Forderungen werden derzeit von Politikern erhoben, die für nützliche Ausbildungsgänge plädieren. Sie unterliegen dem Irrtum, es gebe in der Bildung überhaupt Unnützes.

Ferner bringt er auf den Punkt, was die Ausbildung zum Geisteswissenschafter auszeichnet:

Ob als Psychologe oder Islamwissenschafter: Ein Student lernt im Rahmen seiner Ausbildung strukturiert und analytisch zu denken, Zusammenhänge zu erkennen, Fakten in einen Kontext einzuordnen, Hypothesen zu falsifizieren, historische Bezüge zu sehen.

Genau diese Tatsache übersehen die vermeintlichen Experten an den Stammtischen und in den Parlamenten – ob absichtlich oder schlicht aus mangelndem Wissen, sei dahingestellt.

In das für die NZZ leider unumgängliche Loblied auf den Liberalismus mögen wir zwar nicht einstimmen, ansonsten aber geben wir Felix E. Müller in allen Belangen recht.

Seinen ganzen Kommentar gibt es hier.

Remarque und Estermann

Drei Wochen sind seit seiner Verehelichung verstrichen. In der Zwischenzeit hat Herr Koller für verschiedene Auftraggeber einiges geschrieben, ein Podium moderiert und sein Diplom als Master of Arts entgegengenommen (Prädikat: Insigni cum laude). Daneben hat er auch noch ein bisschen gelesen.

Aus Anlass des 100. Jahrestags des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs hat er sich endlich Erich Maria Remarques Klassiker «Im Westen nichts Neues» zu Gemüte geführt. Diesen bedrückenden Antikriegsroman, der so schnörkellos vorführt, wie noch halbe Kinder der Kriegsmaschinerie vorgeführt werden; wie sie zu Krüppeln werden – physisch genauso wie psychisch, wie sie sterben. Wer das Buch noch nicht kennt, dem sei es wärmstens empfohlen.

Yvette EstermannOb sich dies auch über die zweite aktuelle Lektüre  Kollers sagen lässt, sei dahingestellt: «Erfrischend Anders» der Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann. Mit Verlaub, dieses Buch in einem Atemzug mit einem Remarque zu nennen, ist geradezu eine Frechheit. Doch diesen Anspruch wollen wir Estermann auch nicht unterstellen. Vielmehr will die Nationalrätin einen «tiefen Einblick in ihre spirituell-philosophischen Motive und politischen Überzeugungen» verschaffen – so verspricht es der Klappentext. Herr Koller hat das Buch noch nicht gelesen, und er wird es mit deutlich weniger Innbrunst tun, als bei Remarque. Aber was bleibt ihm übrig? Als frischdiplomierter Osteuropa-Experte und langjähriger Politberichterstatter im Kanton Luzern ist es für ihn ja geradezu Pflicht, das Werk der in der Slowakei geborenen Innerschweizer Patriotin zu analysieren.

Ob er hier nach Ende der Lektüre eine Rezension nachreicht, lässt er offen. Nur so viel ist jetzt schon klar: Von Remarques Buch wird man auch in 20 Jahren noch sprechen, von Estermanns wohl kaum.

Estermann, Yvette: Erfrischend Anders. Orell Füssli. 2014. 224 Seiten.
Remarque, Erich Maria: Im Westen Nichts Neues. Kiepenheuer & Witsch. 2013. 360 Seiten.

Die allerletzten Tage

Der ewige Student: Koller geht an die Uni.

Mit dieser Text-Bild-Kombination wurden die Leser von igosana.ch im November 2007 begrüsst. Damit kündigte David Koller an, dass er sich ein zweites Mal für ein Studium eingeschrieben hat.

Nun stimmt es uns schon ein bisschen wehmütig, dass diese Zeit in einer Woche vorbei sein soll. Dann nämlich absoviert Koller seine zweite Masterprüfung. Die erste legte er heute (Freitag, 13. Dezember) ab. Abgesehen davon, dass er einmal mehr feststellen musste, wie hochgradig feinmotorisch gestört er doch ist – der binnen vier Stunden von Hand zu verfassende politikwissenschaftliche Essay sah absolut scheusslich aus, ein regelrechtes kalligrafisches Massaker wars –, ist Herr Koller mit seinem Elaborat mehr oder weniger zufrieden.

In einer Woche sind dann mehr mündliche als schreiberische Fähigkeiten gefragt. Dann nämlich steht eine einstündige Diskussionsrunde über die Geschichte Jugoslawiens sowie der ukrainischen Nationalbewegung an.

Danach wird igosana.ch wieder weniger vernachlässigt und die andauernde Abkocherei abgelutschter Themen hat ein Ende. Versprochen!

Als kleines Trostpflaster haben wir heute – reichlich verspätet – unsere wunderbar kitschige Weihnachtsdekoration eingeschaltet.

Dreckfressende Jungspunde

Vergisst eine Organisation ihren runden Geburtstag zu feiern, holt sie es bei der ersten Schnapszahl nach. So wollen auch wir es tun. Denn am 24. November 2002 verfasste David Koller seinen allerersten Artikel für eine Zeitung. Das wäre 2012 zu feiern gewesen. Doch eben, das Zehn-Jahre-Arbeitsjubiläum als Journalist ging vergessen. Das holen wir jetzt nach. Und drehen die Zeit zurück.

Es war im November 2002. Koller befand sich im ersten Jahr seines Fachhochschul-Studiums der Wirtschaftskommunikation. Sein Berufsziel war klar. Journalist. Dazu war Schreiberfahrung notwendig. Deswegen klopfte der Jungspund beim «Willisauer Bote» an. Und erhielt seinen ersten Auftrag.

Turnerabende, Musikkonzerte und Volkstheater

«Dräck frässe» nennen sie es in Willisau: Es sind jene Jobs, die niemand machen will und die man mit Vorliebe den Anfängern unterjubelt; und bei deren Vergabe die Redaktoren jeweils mit einem leicht schadenfreudigen Lächeln anfügen, durch das müsse jeder durch.

Auch Herr Koller frass Dreck. Viel Dreck. Zuerst in seiner Zeit als freier Mitarbeiter, später als Praktikant. Turnerabende, Musikkonzerte und Volkstheater. Doch das öffnete ihm Redaktionstüren. Im Herbstt 2004 – nach Abschluss des Studiums – jene des «Seetaler Bote», wo er als Redaktor anheuerte. Nach zwei Lehrjahren in Hochdorf wechselte er anschliessend ins Stammhaus nach Willisau.

Doch genug der rückblickenden Worte! Wir haben in den Tiefen der heimischen Festplatte gewühlt und den allerersten kollerschen Zeitungsartikel gefunden. Es ging um das nicht eben befeuernde Thema der Eröffnung einer Holzschnitzelheizung:

Heiztechnisch ist Reiden die Nummer Eins

Reiden: Holzschnitzelheizung mit Wärmeverbund offiziell in Betrieb genommen

Diesen Samstag wurde in Reiden die neue Holzschnitzelheizung im Rahmen des «Tags der Ofentür» offiziell in Betrieb genommen. Die Baukommission durfte als schweizerische Premiere die Qualititätszertifizierung der Holzenergie Schweiz entgegen nehmen.

Die Feuerprobe hat die neue Reidener Heizanlage bereits hinter sich. Seit Anfang September versorgt sie die angeschlossenen Gebäude zuverlässig mit Wärme. Davon profitieren Private, Schüler, Senioren und Kirchgänger: Dem Netz mit einer Länge von etwas mehr als 900 Metern sind sämtliche Schulgebäude, das neue Pfarreiheim samt Kirche, das Alters- und Pflegeheim Feldheim, die Überbauung Bijou sowie mehrere private Wohnhäuser angeschlossen.

Fehlermeldung per SMS

Die Kapazität der Anlage ist noch nicht voll ausgelastet. Von den rund 1500 kW, welche sie zu leisten vermag, benötigen die heutigen Bezüger erst deren 1300. Davon gehen 455 kW ans Alters- und Pflegheim, dem grössten Abnehmer des Verbundes, während einzelne Wohnhäuser mit 5 kW über die Runden kommen. Um die Leistung langfristig optimal zu nutzen werden in absehbarer Zeit weitere Wohnhäuser ins Netz integriert. Wärme erzeugt die Heizung aus gehäckselten Holzschnitzen, fossile Energieträger sind unbedeutend geworden. Das neue System enthält zwar noch eine Ölheizung. Diese soll aber nur an extrem kalten Tagen oder bei kurzfristigen Ausfällen des Hauptaggregats unterstützend eingreifen. Zudem übernimmt sie die Warmwasserversorgung im Sommer. Durch ihre Grösse ist die Holzschnitzelheizung für dermassen kleine Leistungen nicht mehr rentabel einsetzbar. Die neue Anlage repräsentiert den aktuellen Stand der Technik. So besitzt sie beispielsweise ein Selbstdiagnosesystem, welches allfällige Fehler erkennt und dem Verantwortlichen automatisch per SMS meldet.

Holz aus den umliegenden Wäldern

Für Nachschub ist die Kooperation Reiden verantwortlich. Rund 260m3 Holzschnitzel fasst das Silo. Bei einem jährlichen Verbrauch von rund 3000m3 ergeben sich somit etliche Nachfüllungen, welche mit einigem logistischen Aufwand verbunden sind. Die Kooperation berücksichtigt ausschliesslich Lieferanten aus den Verbundsgemeinden des Alters- und Pflegeheim Feldheim. Die hauptsächlich privaten Anbieter erhalten ihr Entgelt nicht für die gelieferte Menge. Vielmehr ist für die Abrechnung der Energiegehalt des Holzes massgebend. Eine neue Messmethode, die ursprünglich nicht überall für Begeisterung sorgte. Mittlerweile haben sie aber sowohl Lieferanten als auch Abnehmer als optimale Lösung akzeptiert. Das Holz aus den umliegenden Wäldern hilft dem Wärmeverbund, jährlich rund 300’000 Liter Heizöl einzusparen.

Erstes Zertifikat der Holzenergie Schweiz

Christoph Rutschmann, Geschäftsführer von Holzenergie Schweiz, gratulierte der Baukommission zur Ausführung des Projektes innert Rekordzeit von nur fünf Monaten. Neben lobenden Worten für die problemlose Realisierung der neuen Anlage übergab er als schweizerische Premiere die Zertifizierung der Holzenergie Schweiz. Diese attestiert dem Grossprojekt, die hohen Qualitätsanforderungen des Vereins vollständig zu erfüllen. Hubert Käch, Gemeinderat und Präsident der Baukommission, freute sich über das Zertifikat mit der Nummer 0001: «Wir haben hier in Reiden nicht die tiefsten Steuern, auch sportlich können wir nicht immer mitreden, aber diese Nummer Eins kann uns niemand mehr wegnehmen!»

Willisauer Bote (WB), 26. November 2002
© David Koller, 2013