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Wo sich Delphin und Hase gute Nacht sagen

Wo sieht man vom Küchenfenster aus an einem Tag eine in der Bucht herumtollende Delphinschule und am nächsten einen Feldhasen nach dem anderen? In Irland.

Ein Bild, viele Klischees: Nutztiere unter irischer Flagge. Noch realistischer indessen wären Schafe unter grauem Himmel.

Statt des erwarteten Nebels hat Südosteuropa-Fanatiker Koller im Westen des Kontinents liebliche Landschaften angetroffen, mystische Schlösser, viele landwirtschaftliche Nutztiere, freundliche Menschen und im abgelegenen Cottage an der Bucht von Killala eben die verspielten Meeressäuger sowie die hoppelnden Langohren. Hier sagen sich Delphin und Hase gute Nacht. Ideal zum Ausspannen.

Spektakuläre Küstenlandschaft im Cunty Mayo im Westen der grünen Insel.

Tosender Atlantik, dunkles Bier, schauriges Englisch und in der Luft der Duft von verheiztem Torf. Mitunter wähnt man sich in einer anderen Welt. Eine Welt, die ausser partygeilen Malle-Jüngern wohl alle in ihren Bann zieht. Doch nicht nur zum Ausspannen eignet sich die Insel. Die spektakulären Landschaften laden zum Wandern ein. Ein Regenschutz indessen gehört zur Grundausrüstung – allerdings ist der Himmel längst nicht immer nur grau.

Nicht fehlen darf die Fahrt nach Nordirland. Insbesondere nach Belfast. Eine Stadt, die mit ihrer Mischung aus viktorianischer und moderner Architektur zu beeindrucken vermag. Wer nach den Spuren der «Troubles» sucht – des Bürgerkriegs, der hier besonders tobte – wird enttäuscht sein. Statt einer von Kriegswunden versehrten Stadt treffen Gäste eine offene und moderne an.

Einen Besuch Wert ist das erst im April 2012 eröffnete Titanic-Museum. Es befindet sich an der Stelle, wo der legendäre Ozeanliner seinerzeit vom Stapel lief. Doch Vorsicht: der Andrang ist gross, die Ausstellung mitunter ausverkauft. Es lohnt sich, Tickets im Voraus zu reservieren.

Brandneu und nicht nur für Technikgeeks besuchenswert: das Titanic Museum in Belfast. (Fotos David Koller)

Den Grenzübertritt von der Republik Irland ins Vereinigte Königreich nimmt der Tourist bei seiner Fahrt in den Norden nicht wahr. Einzig die Verkehrsschilder machen darauf aufmerksam, dass er sich in einem anderen Staat befindet. Denn sie erinnen nun an die Einhaltung von Meilen statt Kilometern pro Stunde.

In Sachen Geschwindigkeit auf der Strasse stellt der Südosteuropa-Freund übrigens eine der raren Parallelen zum Balkan fest (ausser der Wirtschaftskrise): überaus flott unterwegs mit dem Auto ist man hier wie dort.

Einblick ins Jugoslavientribunal

Eine Chance, die sich einem Lokaljournalisten mit einem Faible für Ex-Jugoslavien so schnell nicht wieder bieten wird: Stefan Wäspi, bis Ende April Ankläger beim International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia (ICTY), war für ein Referat in Willisau.

Auch wenn eine solche Thematik nur bedingt in eine konsequent gemachte Lokalzeitung passt, schlug David Koller zu. Mit freundlicher Genehmigung der Chefredaktion.

Im Gespräch erzählte Wäspi unter anderem von den grossen Schwierigkeiten, mit denen das Tribunal zu Beginn zu kämpfen hatte, was er bei der Verhaftung von Slobodan Milosevic empfand und wie es sich anfühlt, auf einem Massengrab zu stehen.

Den kompletten Artikel im PDF-Format gibt es hier: Stefan Wäspi, ICTY

Belgrader Höhenflüge

Vorab ein Hinweis auf einen neuen Essay von David Koller. Dieses Mal mit Blick auf die Kroatisch-Serbischen Beziehungen: (tauwetter-auf-dem-balkan.pdf)

Nun aber zum versprochenen Inhalt.

Über Sinn oder Unsinn eines solchen nicht gerade billigen Bauwerkes kann man sich streiten. Sicher aber diente es dazu, eine Wunde in der Volksseele zu heilen. So gelesen in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom Freitag, 23. April (S. 24):

Belgrads Wahrzeichen ist zurück

Der neue Fernsehturm auf dem Berg Avala eingeweiht

Andreas Ernst – Am Mittwoch hat Belgrad sein Wahrzeichen in Besitz genommen: der 204,5 Meter hohe Turm auf dem Avala wurde festlich eingeweiht. Der neue Turm ist das alte Wahrzeichen. An genau derselben Stelle auf einer 500 Meter hohen bewaldeten Kuppe unweit der Stadtgrenze war 1965 der erste Avala-Turm fertiggestellt worden. Dort stand er, bis am 29. April 1999, während des Krieges um Kosovo, amerikanische Bomber auftauchten. Nach einem dumpfen Knall feil der Turm krachend in sich zusammen. Es war eines der letzten grossen Bauwerke in Serbien, welche die Nato bombardierte. Die Ziele waren der Militärallianz langsam ausgegangen. So kam der Turm als Telekommunikationsobjekt auf die Abschussliste. Beschädigt wurde aber eher die Moral der Bevölkerung als die Fernmeldekapazität: das staatliche Radio und Fernsehen sendete fast verzugslos über dezentrale Verteilernetze weiter. Doch für viele Belgrader wurde der Trümmerhaufen auf der Avala zum traurigen Symbol.

 

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 204,5 Meter hoch und 85 Millionen Euro teuer: der neue
alte Fernsehturm auf dem Berg Avala (Foto: blic.rs)

Gross ist jetzt die Freude über den neuen Turm. Besonders beim 98-jährigen Dragomir Glisić, der den alten Turm mitgebaut und dessen Fall als persönliche Niederlage erlebt hatte. Auch deshalb, weil ihn Bekannte damals gehänselt hätten, der Turm sei nicht stabil gewesen. Mit ihm und der politischen Prominenz waren tausende Belgrader auf den Avala gekommen. Der Turm ist überaus sehenswert. Seine elegante, an eine Rakete erinnernde Gestalt gleicht dem Vorgänger, ist aber einen Meter höher und erdbebensicher. Er soll das höchste Objekt seiner Art auf dem Balkan sein. Bemerkenswert ist vor allem der Fuss des Bauwerks: die über 4000 Tonnen Stahl, Beton und Glas ruhen auf drei schlanken, geschwungenen Beinen und lassen den Riesen fast schwebend aussehen. Mit zwei Liften rasen die Besucher in 20 Sekunden hoch zum Aussichtsplateau und können sich anschliessend im darunterliegenden Restaurant, 120 Meter über dem Erdboden, erfischen.

Die Initiative für den Wiederaufbau war 2004 von Rundfunkjournalisten ausgegangen. Sie begannen Geld zu sammeln. Die serbischen Tennisstars Novak Djoković und Anna Ivanović  spielten für den Wiederaufbau, und es gab auch «Turmkonzerte». Die Hauptzeche bezahlte aber der Staat. Das Bauwerk soll etwa 85 Millionen Euro gekostet haben. (…)

Traurige Liebesgeschichte

Bei einer Literaturrecherche sind wir auf diese schon länger auf igosana.ch publizierte, aber etwas in Vergessenheit geratene, Liebesgeschichte gestossen. Es handelt sich dabei um eine wahre Begebenheit, die sich im Mai 1993 im belagerten Sarajevo zugetragen hat.

Hand in Hand gehen wir wortlos auf die Stellungen der Serben zu, ohne uns umzudrehen, ohne zurückzuschauen nach dem, was ich auch immer in meinem Herzen fragen werde, dieses Sarajevo, dessen Kinder wir sind. Beide. Der christliche Serbe Bosko Brić und die muslimische Bosnierin Admira Ismić. Verdammt noch mal. Sarajevo ist doch so. So wie wir. Ich schaue zu Admira hinüber. Sie wird es in Serbien schwer haben. Dort ist sie die aus dem Feindesland. In Sarajevo wurde ich gehasst. Eine verrückte Welt. Wir wollen nichts weiter, als uns lieben. Schüsse von ichweissnichtwoher. Haltloser Absturz nach vorn. Zugreifen ins Nichts. Das Gesicht im Gras. Die Beine gefühlslos. Mit einem Auge sehe ich Admira auf mich zukriechen. Blut läuft aus ihrem Mund. Es ist das Blut der Schlacht auf dem Amselfeld, das Blut, das durch alle Strassen von Sarajevo fliesst. Admira schaffte es bis zu mir und liegt auf mir. Es ist die Sonne von Sarajevo, die jetzt in mir scheint. Plötzlich. Grell. Die Sonne von Sarajevo.

Den ganzen Text von Hans Krech gibt es hier.

Weniger traurige – aber längst nicht immer schöne – Liebesgeschichten finden sich hier.

Mujo der Bosnier

Auch auf solche Dinge stösst man bei der Literaturrecherche für die nächste Seminararbeit:

Die Bewohner Ex-Jugoslawiens lachten gerne über die Bosnier. Diese mussten als Witzfiguren hinhalten – so wie in Deutschland die Ostfriesen, in der Schweiz die Österreicher und im Kanton Luzern die Entlebucher. Mujo der Bosnier war dabei meistens der Protagonist, die Oberwitzfigur.

So wollen wir hier zusammen mit allen Jugo-Nostalgikern einen Moment lang schwelgen in Erinnerungen an Zeiten, in denen man in Zagreb, Belgrad oder Pristina über Bosnier lachte und sie gleichwohl als Bewohner des gemeinsamen Landes schätzte:

Mujo sitzt am Wegrand unter einem Baum und spielt Schach mit einem Bären. Ein Autofahrer sieht das, hält an und stellt sich neben die beiden, guckt ihnen fassungslos zu und bringt schliesslich hervor: «Mann, das gibts doch gar nicht, dass ein Bär Schach spielen kann!» Mujo irritiert: «Na, was heisst hier können? Ich gewinne ja dauernd.»