Hansjakobs gescheiterte Karriere

Sie ist zwar etwas weniger abgedreht als jene über Zombies, doch auch die aktuelle «Carte Blanche» lässt ziemlich viel Spielraum für Interpretationen. Anders ausgedrückt: Was wollte uns Herr Koller mit diesem Text sagen?

Die Fabel vom traurigen Esel

Es war einmal ein Esel, der hiess Hansjakob und arbeitete beim Samichlaus. Oft war er traurig. Denn niemand interessierte sich für ihn. Esel waren out, das schleckte keine Geiss weg. Zudem bedrückte ihn, dass Zottel von der SVP seine Karriere beendet hatte. Der Zwerggeissbock genoss jetzt in trauter Zweisamkeit mit Partnerin Bienchen den Ruhestand. In seine Fussstapfen war der Berner Sennenhund Willy getreten – ein Plüschtier mit Facebook- und Twitteraccount.

Zottel hatte es hinter sich. Davon konnte Hansjakob nur träumen. Noch einige trostlose Jahre lagen vor ihm: Elf Monate lang war er jeweils arbeitslos, um sich dann in der Adventszeit abzuplacken. Doch so verhielt es sich neuerdings, das wusste der alte Esel: Über Jahre machst du deinen Job. Dann wirst du durch eine Arbeitskraft aus dem Ausland ersetzt – in seinem Fall durch ein Lama. Es übernahm die repräsentative Arbeit, er durfte den Mist machen.

So kam es, dass Hansjakob eine neue Herausforderung zu suchen begann. Er klopfte bei der SVP an und empfahl sich als Maskottchen, als echtes, aus Fleisch und Blut. Zwar sei er alt, doch das spiele offenbar keine Rolle, schliesslich habe bei ihnen ein 74-Jähriger das Sagen. Zudem kenne er sich in Sachen Überfremdung aus, sei ja selber ein Opfer der Masseneinwanderung. Doch das überzeugte die SVP nicht. Esel gebe es auch in EU-Staaten, liess man ihn wissen.

Nach der Absage klopfte Hansjakob bei der FDP an. Farblos sei er zwar nicht, aber immerhin grau. Das passe doch. Auch hier wollte aber niemand etwas wissen. Ein Esel mit weniger als einem PS gehöre nicht in eine Wirtschaftspartei. Den Sozialdemokraten wiederum war Hansjakob zu wenig Frau. Die CVP rümpfte die Nase, weil er nicht mehr mit seinen Kindern zusammenlebte und dadurch nicht ins Bild einer Familienpartei passte. Zu den Grünliberalen wollte er nicht, da Grün und Liberal seiner Meinung nach ein Widerspruch sind. Die Grünen wiederum waren tabu, weil man Grünzeug nach Ansicht eines Esels isst, nicht wählt.

Er gab auf, kehrte zurück zum Samichlaus – noch trauriger als zuvor. So wird er wohl oder übel noch lange mittrotten und trüb in die Welt blicken. Deshalb: Wenn Sie dieser Tage einen Esel sehen, seien Sie lieb. Es könnte Hansjakob sein, den die Politik so arg enttäuscht hat.

Willisauer Bote (WB), 5. Dezember 2014
© David Koller, 2014

Erwähnenswert erscheint uns ferner die Tatsache, dass Herrn Koller in der Advents- und Weihnachtszeit immer mal wieder Ideen für eigenartige Geschichten kommen. Etwa diese hier:

> Still leidet das Christkind (24.10.2010)
> Eine kleine Weihnachtsgeschichte (21.12.2008)

Kadavergehorsam in Reinform

Die nachfolgenden Zeilen waren ursprünglich als «Carte Blanche» für den «Willisauer Bote» gedacht. Doch irgendwann kam David Koller zur Vernunft und damit zur Einsicht, dass ein solcher Text die Leser einer traditionsbewussten Lokalzeitung masslos überfordern würde.

Wohlwissend, dass man Internet-Usern alles zumuten kann, gewährt igosana.ch der verstossenen und ungekürzten Abhandlung digitales Asyl.

Metaphysik des Zombiefilms

Gewisse Dinge sind rational nicht nachvollziehbar. Etwa, dass Menschen Mike Shiva und seinen Mitarbeitern Geld dafür bezahlen, damit sie ihnen Banalitäten auftischen. Oder, dass jemand Linseneintopf mag. Oder, dass Kreaturen existieren, die Hitlers Gedankengut auch nur ansatzweise gut finden. Bei mir gibt es ebenfalls ein rational nicht nachvollziehbares Faktum: ich liebe Zombiefilme. Machwerke über mehr tot als lebendige Wesen, die träge herumtorkeln und Menschen nachstellen, auf deren Fleisch sie aus sind.

Beissen Zombies Lebende, werden diese zu Ihresgleichen. Das ist der ewige Kreislauf solcher Filme: Eine kleine Gruppe – meist gut aussehender – Menschen ist auf der Flucht vor einer erdrückend grösseren Masse. Obwohl Zombies in der Regel nicht nur hässlich, sondern auch strohdumm sind, gelingt es ihnen, die Zahl der Fliehenden laufend zu dezimieren. Dabei trifft es unweigerlich auch Protagonisten, denen man es am wenigsten wünscht. Am Ende überleben nur die Stärksten. Sozialdarwinismus, wie er im Buche steht.

resident_evil_afterlife39Prototyp des modernen Zombiefilms: Die «Resident Evil»-Reihe. Einmal mehr verfolgt die sabbernde Meute die schöne Protagonistin (Milla Jovovich).

Das mag dumm tönen und ist es auch. Aber die Horden, die in den von mir bevorzugten neueren Filmen meist durch eine Vireninfektion zu Untoten mutiert sind, können als Metapher für das in der Geschichte der Menschheit immer wieder anzutreffende  Dahingleiten einer gleichgeschalteten Masse interpretiert werden. Selten war der Ausdruck Kadavergehrosam treffender.

Auf der anderen Seite gibt es die Helden im stetig schrumpfenden Kollektiv. Individualisten, die sich schwerbewaffnet durch eine lebensfeindliche Welt schlagen und dabei massenhaft Untote definitiv tot machen. Weil sie auf sich gestellt sind, gelten für sie – ausser dem Überleben – keine Regeln. Freiheit trotz permanenter Flucht. Pure Anarchie!

Das ist die faszinierende Metaphysik von Zombielfilmen. Überdies gibt es da noch die neuerdings anzutreffende Ästhetik der Gewalt. Auch in aktuelleren Streifen ist das Gemetzel hirnlos; doch die Bilder zeigen, dass die Macher ihr Handwerk mittlerweile beherrschen. Das war nicht immer so. Und: Bisweilen gibt es Szenen, die einem trotz aller Brutalität und Endzeitstimmung zum Lachen bringen. Ob gewollt oder nicht, sei dahingestellt.

Reicht das als Erklärung? Wohl kaum. Ich kann meine Faszination ja selber nicht nachvollziehen – zumal ich mich als äusserst friedliebenden Menschen betrachte.

Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Die dazugehörende Gretchenfrage: Existieren da draussen Geistesverwandte? Falls es sie gibt: Wer hat Lust auf eine Zombieparty? Einen Film mit Menschen zu schauen, die beim Anblick sabbernder und röchelnder Horden nicht verständnislos den Kopf schütteln, das wär was. Bislang habe ich noch niemanden gefunden. Mitunter fühle ich mich allein und auf mich gestellt – so wie Helden in einer Welt voller Untoten.

Auch die beste Idee leiert sich aus

Kurzfristig sprang David Koller ein, als sich auf der WB-Redaktion ein «Carte Blanche»-Engpass ergab. Lange nach einem Thema suchen musste er nicht. Er schrieb über die derzeit in den Medien grassierende Mode, aus jedem Skandal ein -gate zu machen.

watergate-1977Hier nahm das Übel seinen Lauf: Der Watergate-Gebäudekomplex in Washington ist Namensgeber für so manches Skandälchen.

Kreisel-, Biber- und Pianogate

Im Bundeshaus lässt eine Sekretärin die Hüllen fallen und fotografiert sich dabei. Wir haben ein Selfiegate. Vom Badener Stadthaus aus will ein mittelalterlicher Politiker eine Frau beglücken, indem er seine Körpermitte ablichtet. Wir haben ein Gerigate. In Italien vergnügt sich ein machtgeiler seniler Politiker mit einer Frau, die halb so alt ist wie die vom Badener Stadthaus aus Beglückte. Wir haben ein Rubygate. Im Aargau helfen zwei Kantonspolizisten einer verletzten Katze nicht. Wir haben ein Büsigate.

Es gibt gute und schlechte Wortkreationen. Das gate zur Benennung von Ungereimtheiten ist definitiv eine gute. Doch irgendwann ist auch die beste Idee ausgeleiert. Ihren Ursprung hatte sie in der , die 1974 zum Rücktritt des amerikanischen Präsidenten führte. Dessen Helfer waren in einen Gebäudekomplex namens Watergate eingebrochen, dem Hauptsitz der politischen Gegner. Seither dient der Zusatz -gate, um einen Skandal zu markieren. Richtig in Fahrt kam die Wortspielerei 2004, als Popstar Justin Timberlake ungewollt die Brust seiner Gesangspartnerin Janet Jackson entblösste. Dumm war, dass dies in der Halbzeitpause des Superbowls geschah, dem amerikanischen Sport-Grossereignis schlechthin. Die halbe Nation schaute zu. Nipplegate sorgte in den puritanisch-prüden USA für rote Köpfe und absurd hohe Bussen.

Wir vom WB sind Gott sei Dank resistent geblieben, gegen die neudeutsche Gate-Manie. Wir schreiben nicht von einem Kreiselgate, wenn in Altishofen ein Bauwerk 75 000 Franken teurer wird als geplant. Auch ist nicht die Rede vom Funklochgate, wenn in Ebersecken Handys stumm blieben. Fliesst mal wieder Jauche in einen Bach, ist bei uns nichts von einem Güllengate zu lesen. Ein überfahrenes Nagetier führt nicht zum Biber- und der umstrittene schwarz-weisse Bodenbelag in Willisaus Städtli nicht zum Pianogate. Schreibt der Kanton erneut rote Zahlen, sucht man bei uns die Wortkreation Schwerzmanngate ebenfalls vergebens.

All das ist gut so. Sicher bin ich nicht der Einzige mit einer veritablen Gate-Allergie. Im Namen aller Geschädigten rufe ich deswegen – für einmal auf Bern- statt auf Neudeutsch: «Fertig jetzt! Es gate üs uf d’Närve.»

Willisauer Bote (WB), 22. August 2014
© David Koller, 2014

Für die kostengünstige Pslam-Kunde

Gleich noch einmal eine Glosse. In seiner neuesten «Carte Blanche» befasst sich David Koller mit der Schweizer Nationalhymne.

TIMD, SIDIS: Der SMS-Psalm

Realitätsfern und sprachlich sperrig: So beurteilt die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) den Text der Nationalhymne. Daher hat sie einen Wettbewerb lanciert. Bis Ende Jahr soll eine Jury zehn neue Varianten aussortieren. Das kommt nicht überall an. Die CVP Luzern etwa sprach im Vorfeld zum 1. August von «Aktivismus». In einem nächsten Schritt werde wohl noch eine neue Flagge gesucht, befürchtet sie. Die Junge SVP Schweiz wiederum stellt eine Überforderung nicht in Abrede. Sie will deswegen den Schweizerpsalm im Schullehrplan verankern.

Probleme haben wir! Krieg im Irak, Gaza und Syrien. Vor Lampedusa ertrinken Flüchtlinge. In der Ukraine holen Irre Zivilflugzeuge vom Himmel. Und wir debattieren über die Nationalhymne. Doch wenns des Volkes Seele tatsächlich bedrückt: Mein Vorschlag ist ein SMS- oder WhatsApp-fähiger Psalm, nur aus Kurzzeichen. Seine erste Strophe:

TIMD, SIDIS, DDHH, WDASR, BFSB, EFSA, EFSA, GIHV, GDHIHV

Für alle über 25: Das sind jeweils die ersten Buchstaben von «Trittst im Morgenrot daher/Seh‘ ich dich im Strahlenmeer/Dich, du Hocherhabener, Herrlicher!/Wenn der Alpenfirn sich rötet/Betet, freie Schweizer, betet/Eure fromme Seele ahnt/Eure fromme Seele ahnt/Gott im hehren Vaterland/Gott, den Herrn, im hehren Vaterland».

Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Smartphone-Generation ist mit dieser kryptischen Sprache vertraut und hat die Kombinationen rasch im Griff. So lässt sich Unterrichtszeit in der geforderten Psalm-Kunde einsparen, was die klammen Kantone freut. Auch die Organisatoren der nächsten 1.-August-Feiern dürfen frohlocken: Die Buchstaben passen auf kleine Fress­zettel. Das hält die Materialkosten tief. Möglich ist ferner, den Text auf die Handfläche zu tätowieren – ideal für Mitglieder der Fussball-Nationalmannschaft. Überdies fördert der SMS-Psalm die künstlerische Freiheit. Er lässt sich rappen, singen oder jodeln. Zwar möchte die SGG an der heutigen Melodie festhalten. Ich aber fordere: Mehr Freestyle! Jeder soll sein Lieblingslied als Basis verwenden. Muss es trotzdem eine fixe Melodie sein, dann am ehesten eine von Lady Gaga.

Willisauer Bote (WB), 2. August 2014
© David Koller, 2014

Hinterländer und Europa

Im Rahmen der Sommerserie «Weltreise» des «Willisauer Bote» (WB) veröffentlicht der für die Ausgabe verantwortliche Redaktor auf der Front eine Glosse. Sie trägt den Titel «Mann von Welt» bzw. «Frau von Welt». David Koller schrieb über das Verhältnis des Luzerner Hinterlandes zu Europa.

Rotes Tuch blaue Flagge

In Kottwil gibt es einen Europaplatz. Eine solche Flurbezeichnung überrascht in hiesigen Breitengraden. Denn Europa – oder besser: die Europäische Union – ist dem Hinterland nicht eben liebstes Kind. Geradezu ein rotes Tuch ist die blaue Flagge mit den zwölf goldenen Sternen vielerorts. Auch in Kottwil lässt sich der Eindruck nicht aus der Welt schaffen, dass der Platz nicht nur wegen seiner peripheren Lage oben im «Kidli» etwas verwaist ist. Als ob man sich seiner schämen würde. Dabei war die Namenswahl doch visionär. Und passend. Zumal ein Mann das Bürgerrecht der heute mit Ettiswil fusionierten Gemeinde besass, der Europa gegenüber überaus freundlich gesinnt ist: Der ehemalige Schweizer Aussenminister René Felber.

Begeistert nahm ich mich im Rahmen der Sommerserie dieses Platzes an. Ich, der in der EU trotz zweifelsohne vorhandener Schwächen ein grosses Konstrukt sieht. Eines, dem es gelang, Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg zu befrieden. Nun sorgt die Union auf der Balkanhalbinsel für Ähnliches: Einstige Feinde nähern sich einander an. Diese Leistung missachten viele. Vor allem dann, wenn sie eigene Pfründe in Gefahr sehen.

Doch oben auf dem Europaplatz stellte sich rasch heraus: Ich stand allein auf weiter Flur.

Willisauer Bote (WB), 29. Juli 2014
© David Koller, 2014