Unentspannte Eidgenossen

Wie Clooneys Frau Amal Alamuddin Schweizer Menschenrechte verteidigen könnte: David Koller erklärts in seiner aktuellen «Carte Blanche»:

Grundrecht freie Fahrt

George Clooney ist in den Hafen der Ehe eingefahren. In Venedig. Wie poetisch! Hätten wir doch schon die zweite Röhre am Gotthard gehabt. Haufenweise wären wir in die Lagunenstadt gereist, um dem Fest beizuwohnen, das schlappe zehn Millionen Euro kostete. Genau für solche Ereignisse brauchen wir das zweite Loch. In derart dringenden Fällen macht es Sinn, beide Spuren in beiden Tunnels freizugeben. Sonst aber nie! Wo kämen wir denn da hin?

Wir Schweizer und das Auto. An sich sind wir ein rationales und friedliebendes Volk. Doch geht es um den mobilen Untersatz, hört die Kompromissbereitschaft auf. Dass es auch anders geht, zeigt sich etwa in den USA. Will dort jemand kurzfristig die Spur wechseln, zucken die Amis nicht mit der Wimper. Hierzulande hingegen betrachtet manch einer ein solches Verhalten als grobe Verletzung seiner fundamentalen Grundrechte. Aus eigener Erfahrung kann ich anfügen: Auch auf dem Balkan – dessen Automobilisten ja nun wirklich nicht den besten Ruf geniessen – ist dieses aggressiv belehrende Verhalten nicht auszumachen, das auf hiesigen Strassen herrscht. Ich behaupte: Hinter dem Steuer gehören wir Eidgenossen zu den unentspanntesten Nationen überhaupt.

Apropos: Haben Sie schon mal die Mitarbeiter-Parkplätze bei der WB-Redaktion gesehen? Dermassen breit sind die, dass auf ein Feld fast zwei Autos passen. Überkäme jemand das spontane Bedürfnis, im Panzer oder Mähdrescher zur Arbeit zu fahren, er könnte problemlos parkieren. Möglich, dass dies die Intention der Planer war. Vielleicht haben sie auch bedacht, dass viele Redaktoren bessere Schreiber als Lenker sind. Damit es wenigstens bei der Arbeit keine Blechschäden gibt, gestalteten sie die Parkplätze grosszügig. Das ist Wertschätzung! Indes könnte mit Blick auf die Parksituation im nahen Städtli manch genervter Autofahrer die Clooney-mässigen Verhältnisse beim WB als Provokation erachten.

Womit wir wieder beim Thema sind: Die Angetraute des Hollywood-Beaus ist Menschenrechtsanwältin. Die zwei Schönen sollen in die Schweiz ziehen! Hier kann sie sich für die wahren Grundrechte einsetzen: Für genügend Raum in Tunneln und auf Parkplätzen. Für freie Fahrt.

Willisauer Bote (WB), 3. Oktober 2014
© David Koller, 2014

Die Leiden des Lokaljournalisten

Unlängst ist David Koller beim «Willisauer Boten» in ein neues Büro umgezogen. Dabei ist er auf ein Dokument gestossen, dass den Lesern von igosana.ch keinesfalls vorenthalten werden sollte.

Es stammt von einem betagten Lokalkorrespondenten und wurde der Redaktion unaufgefordert zugestellt:

Der Grund für das Einspannen des Papiers in die nicht minder betagte Schreibmaschine entzieht sich unserer Kenntnis. Klar ist nur, dass es der Text nicht ins Blatt geschafft hat. Dies, obwohl eine Lokalzeitung grundsätzlich auf jeden Korrespondenten angewiesen ist und keinen Vertreter dieser raren Spezies vergraulen sollte.

Doch irgendwann ist selbst beim gutmütigsten Provinz-Journi die Schmerzgrenze überschritten.

Fifi Superstar

Die Geschichte eines Bildes: Herr Kollers Erzeuger sind gerade daran, ihren Haushalt herauszumisten. Alles wird umgekrempelt, auch Fotokisten. Dabei stiessen sie auf ein interessantes Bild, entstanden irgendwann im Jahr 1996.

Es zeigt David Kollers ersten Hund Jumbo. Weder der Name des Tieres ist Zeichen für intellektuelle Höhenflüge, noch das Bildsujet. Zum Namen gilt verteidigend anzufügen, dass Koller elf oder zwölf Jahre alt war, als der kleine Kläffer in seinen Besitz kam. Zum Foto gibt es keine entlastenden Argumente. Sehr glücklich sieht der Protagonist auf jeden Fall nicht aus. Wenn wunderts: weder Lage noch Kleidung sind artgerecht:

Indes hat Jumbo eine beachtliche Karriere als Medien-Superstar hinter sich. So wurde just dieses Bild weiland in der «Weltwoche» abgebildet. Es muss irgendwann im Jahr 2001 gewesen sein – kurz nach der Neulancierung zum Magazin. Zu einer Zeit also, als das Blatt noch als cool galt und eine Rubrik besass, für die Leser Fotos einschicken konnten.

An den genauen Inhalt der Bildlegende erinnern wir uns nicht mehr. Wohl aber daran: Jumbo trat unter dem Pseudonym Fifi auf und wurde als stylisher Hund aus dem Luzerner Hinterland verkauft, der immer den neuesten Modetrends nachhechelte. Es war eine der ersten Einsendungen Kollers, die in einem Medium publiziert wurden. Mit etwas Pathos könnte man sagen: der schwebende Hund läutete den Anfang einer Karriere ein.

Damit nicht genug. In den «Willisauer Boten» – auch heute noch cool – schaffte es Fifi-Jumbo ebenfalls. Koller widmete ihm und anderen Kötern seiner Familie die allererste «Carte Blanche» nach dem Stellenwechsel von der Redaktion des «Seetaler Boten» in den Hauptort seiner angestammten Heimat:

Nicht geklont, aber bissig

Kinder und Tiere kommen an. Das haben die Einsendungen des WB-Fotowettbewerbs gezeigt. Kinder habe ich keine, darum schreibe ich über Tiere. Über Hunde, genauer gesagt. Und nicht über meine, sondern jene meiner Eltern, um noch genauer zu sein.

Wir hatten also mal einen Hund, der hiess Jumbo, war etwas grösser als eine Katze und ziemlich muskulös. Jumbo war wahrscheinlich der am schlechtesten erzogene Hund der Welt – ich habe ihn erzogen. Zu seinen katastrophalen Manieren gesellte sich ein ebenso legendärer Geschlechtstrieb. Wäre Jumbo ein Mensch gewesen, er hätte in Pornos mitgewirkt. Es kam nicht selten vor, dass ich als Primarschüler den hechelnden Gesellen irgendwo in Nebikon und Umgebung bei einer seiner Gespielinnen abholen musste.

Nach dem nimmersatten Jumbo kam Bubu. Der war auch kaum grösser als eine Katze, mochte solche aber überhaupt nicht.

Jumbo und Bubu haben längst abgelebt. Jumbo stellt jetzt wohl im Hundehimmel hübschen Damen nach, Bubu – zu Lebzeiten durch einem veterinärmedizinischen Kunstgriff seiner Männlichkeit beraubt – wird auch in den ewigen Jagdgründen aggressiv kläffend Katzen nachhetzen.

Kommen wir nun zu den Lebenden, zur Nummer drei: Dolly. Sie trägt den Namen des ersten geklonten und mittlerweile wegen Konstruktionsfehlern eingeschläferten Säugetiers. Die Namensverwandtschaft ist nicht von ungefähr. Unsere Dolly sieht aus wie ein Schaf; allerdings wie ein kleines, denn auch sie ist ähnlich zierlich wie ihre Vorgänger Bubu und Jumbo.

Sie sieht aus wie ein blökender Paarhufer und ist dabei der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz. Denn die 12-jährige Dame – umgerechnet immerhin 84 Menschenlenze – mag keine Artgenossen. Für ihr Alter stürzt sie sich immer noch mit einer bemerkenswerten Energie auf alles, was irgendwie nach Hund aussieht, ob Chihuahua oder Rottweiler. Vielleicht liegt diese Kratzbürstigkeit daran, dass auch ihr ein Tierarzt die Libido geraubt hat; vielleicht daran, dass unsere Vierbeiner offensichtlich einen Knacks haben müssen. Soll mir jetzt keiner kommen, Hunde würden sich immer ihren Besitzern anpassen.

Willisauer Bote (WB), 18. August 2006
© David Koller, 2006

Fiese Callcenter

Kleiner Nachtrag zum untenstehenden Artikel über den Telefonterror.

Die Belästigungen aus den Callcentern scheinen des Volkes Seele zu erzürnen. Denn die «Carte Blanche» im «Willisauer Boten» vom 14. September über die ungeliebten Werbeanrufe  brachte so viele Rückmeldungen wie noch kein Artikel aus der Feder David Kollers ein.

Eine enthielt einen weiteren Vorschlag für das Abwimmeln von Krankenkassen:

Tönt toll, aber wir haben ein Kind mit Trisomie 21.

Geschmacklos? Im besagten Fall nicht. Denn die Familie, aus der die Strategie stammt, hat tatsächlich ein Kind mit diesem Syndrom. Gespräche mit Callcentern seien aber nach dieser ehrlichen Antwort stets sehr schnell beendet.

Mit Verlaub: Das ist geschmacklos!

Von wegen rückständig!

Genug mit Russland. Wenden wir uns wieder bodenständigen Dingern zu:

Der «Willisauer Bote», seit bald sechs Jahren David Kollers Brötchengeber, feiert seinen 125. Geburtstag. Aus diesem Grund lag der Zeitung am 19. Juni ein Jubiläums-Magazin bei. Für dieses hat auch Herr Koller in die Tasten gegriffen. Einen der zwei Texte dabei entstandenen Texte wollen wir der Leserschaft von igosana.ch nicht vorenthalten. Das Portrait des langjährigen Chefredaktors Joe Zihlmann.

Vom Leimtopf zum E-Paper

Seit bald 40 Jahren ist Josef J. Zihlmann für den WB tätig. Er öffnete das Blatt, verbannte den doktrinären Journalismus und steigerte die Qualität. Ein Blick auf ein Leben für die Zeitung.

«In einem winzigen Büro fand ich eine uralte Schreibmaschine, Schere und Leimtopf. Daneben einen Stapel Texte.» So beschreibt Josef J. Zihlmann – Kürzel: jjz – seinen Arbeitseinsteig beim WB im März 1976. Der Gettnauer hatte soeben sein Studium in Germanistik und Philosophie abgeschlossen – Ende Februar notabene, eine Auszeit gönnte er sich nicht. Auf was er sich einliess, war dem 28-Jährigen nicht bewusst. «Die ersten Jahre waren eine schlimme Zeit.» 60-Stunden-Wochen bildeten die Regel. Kein Wunder: Neben dem «Böttu» betreute er den «Wol­huser Bote» und den «Hinterländer», eine heimatkundliche Beilage des WB. All das tat er als Alleinredaktor. Auch die Fotografie gehörte zu seinem Zuständigkeitsgebiet. «Oft war ich morgens um fünf auf der Redaktion und entwickelte im Labor Bilder.» In den Achtzigerjahren betreute er ferner zusätzlich den «Volksbote», eine Zeitung für das Gebiet um Horw und Malters.

Schreibmaschine, Schere und Leim

Zihlmann übernahm die Redaktion von seinem Schwiegervater in spe, Franz Josef Kurmann. Das politische Schwergewicht – er war unter anderem Nationalratspräsident und Parteichef der CVP Schweiz gewesen – wollte mit 60 Jahren kürzertreten. Die Ernennung eines Nachfolgers jedoch gestaltete sich schwierig. «Er suchte in einem Umfeld, das eine Generation älter war als ich», so Zihlmann. Alles andere hätte sich nicht gehört. Denn weiland war der WB ein stramm katholisch-konservatives Blatt. Ein Frischling direkt von der Uni war wohl nicht gerade, was man sich als Erbe des alt Nationalrats vorstellte. Mehr als Jux bekundete Zihlmann dennoch Interesse. «Wir können es versuchen», meinte Kurmann. Was als Experiment begann, hält nun bald 40 Jahre. Im Juli 2009 übergab Zihlmann zwar die Chefredaktion an seinen langjährigen Weggefährten Stefan Calivers. Nach wie vor ist er aber in einem kleinen Pensum für seinen «Böttu» tätig.

Schreibmaschine statt Computer: Joe Zihlmann vor dem Eintritt ins digitale Zeitalter.

In vier Dekaden hat sich der Beruf enorm gewandelt. «Die wichtigsten Werkzeuge waren Schreibmaschine, Schere und Leim», beschreibt Zihlmann seine ersten Jahre. Damit setzte ein Redaktor Artikel neu zusammen oder fügte Absätze ein. Nötig war dieses Puzzle-Spiel, weil die eingesandten Texte oft nicht den Anforderungen entsprachen. «Viele waren unbrauchbar. Statt mit dem Wichtigsten begannen Korrespondenten mit den Cervelats, die zum Imbiss aufgetischt wurden.» Mit dieser Art von Journalismus wollte jjz aufräumen. Zudem sollte nicht nur ins Blatt kommen, was mehr oder weniger zufällig eingesandt wurde. «Ich wollte Schwerpunkte setzen und das Leben in der Region darstellen.»

Abkehr vom doktrinären Journalismus

Eine nicht minder einschneidende Zäsur war die politische Öffnung: Weg vom konservativen Organ, hin zur Zeitung, die allen Stimmen Raum bietet. «Mir behagte der doktrinäre Journalismus nie», so Zihlmann. Deswegen begann er, Kommentar und Nachricht strikt zu trennen – heute in den allermeisten Medien Usus. Zudem wohnte er schon bald den Sessionen des Grossen Rates bei. Damit legte er den Grundstein für die Berichterstattung über kantonale Politik, die bis heute einen der publizistischen Grundpfeiler des WB darstellt.

Auch die Kultur erhielt mehr Raum. «Vorher fand sie einzig statt, wenn Korrespondenten über Konzerte von Chören oder Musikgesellschaften berichteten.» Der zuvor inexistente Jazz schaffte es nun ebenfalls ins Blatt. Die Kulturaffinität des Alleinredaktors sorgte aber letztlich dafür, dass er 1987 kündigte und dem Ruf von Regierungsrat Walter Gut folgte. Er wurde kantonaler Beauftragter für Kultur und Jugendfragen. Doch das Gastspiel in der Luzerner Amtsstube währte kurz. Zu sehr war Zihlmann Journalist, zu wenig Beamter. 1989 kehrte er nach Willisau zurück. Mittlerweile war hier die Ära der Einzelkämpfer vorüber, auf der Redaktion arbeitete nun ein kleines Team. Als dessen neuer Chef vergrösserte jjz den Personalbestand fortan moderat, aber kontinuierlich.

Wiederholter Ruf anderer Zeitungen

«Ich bin einer aus dem Volk und sehe mich als Kind der Gegend, bin hier aufgewachsen und kenne die lokalen Bedürfnisse.» Es ist dies Zihlmanns Antwort auf die Frage, wie ein Intellektueller mit schöngeistiger Ausbildung wie er – ein Mann mit der Aura eines Hochschullehrers – 40 Jahre lang in einer ländlichen Gegend arbeiten konnte. Es ist die Frage nach dem Spannungsfeld, die sich beim Betrachten seiner Vita zwangsläufig ergibt.

Er sieht dies weniger eng. Klar habe er mitunter gehadert. «Es ist ja auch nicht nur positiv, 40 Jahre für denselben Betrieb zu arbeiten.» Ein abermaliger Abgang habe dennoch nie ernsthaft zur Diskussion gestanden. «Obwohl ich wiederholt Anfragen anderer Zeitungen erhielt – auch von gros­sen.» Seine Treue begründet er nicht zuletzt damit, dass er den Beruf stets herausfordernd fand. Auch wenn andere Vertreter der Zunft mitunter auf Schreiber aus der vermeintlichen Peripherie herabblicken: Lokaljournalismus gilt als anspruchsvoll. Denn hier fehlt die Anonymität, auf die etwa ein Auslandskorrespondent zählen kann.

Oft wurde der Chef des «Böttus» denn auch auf der Strasse angesprochen, was er schätzte: «Es ist befriedigend, Kontakt mit Leuten zu haben, die sich mit deinen Ergüssen befassten.» Zudem seien selbst negative Kritiken meist massvoll ausgefallen. Mehrheitlich gingen Rückmeldungen in diese Richtung: «Ich teile deine Meinung nicht, schätze aber, dass du sie kundtust.» Voltaire lässt grüs­sen, auch im Luzerner Hinterland.

Digitaler Pionier

Von wegen rückständig: Auch in Sachen elektronischer Medien mischte der WB vorne mit. So bietet er als eine der ersten Deutschschweizer Lokalzeitungen ein E-Paper an. Dass die Willisauer oft digitale Pioniere waren, ist ebenfalls Verdienst Zihl­manns. Ob iPhone oder iPad, er war einer der ersten Besitzer in der Region. «Mag sein, dass ich ein Freak bin.» Der «Böttu» verfüge aber nicht wegen seines persönlichen Faibles für elektronische Gadgets über gut ausgebaute Internetdienste. Diese sind also keine Spielzeuge vom Verlag für den Chef. Vielmehr seien sie nötig, um die Zukunft zu sichern. «Langsam kommen die Digital-Natives in die Berufswelt. Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind.» Diese müsse der WB mit neuen Angeboten erreichen.

Doch wie geht der Mann des eleganten Textes mit den auf dem Internet dominierenden Informationshäppchen um? Ein weiteres Spannungsfeld? Immerhin setzte der WB unter seiner Ägide auf Qualität und wurde zu einer Art Antithese zu vielen Medienprodukten mit ihren stetig kürzer und seichter werdenden Artikeln. Zihlmann ist kein Kulturpessimist: «Ein Bedürfnis nach langen und guten Texten wird stets vorhanden sein.» Qualität werde überleben, davon ist er überzeugt. Und: «Leser werden auch in Zukunft gewillt sein, dafür zu bezahlen.»

Gut möglich, dass er Recht behält und in 40 Jahren Diskussionen über solche Themen genauso anachronistisch wirken, wie heute das Arbeiten mit Schere und Leimtopf.

Willisauer Bote (WB), 19. Juni 2012
© David Koller, 2012

Wer noch nicht genug hat: Herr Koller hat schon mal ein Portrait über einen ehemaligen Chef geschrieben – über Dominik Thali, seinen Förderer beim «Seetaler Boten» (1295 kb).