Best of Mittellandromantik

Kleine Ode ans Mittelland: Drüben auf instagram postet Herr Koller seit einiger Zeit dann und wann Bilder aus Zofingen und Umgebung. Die Kadanz hat abgenommen, weil der Schreiber infolge Ablebens des Familiendackels nicht mehr so viel unterwegs ist wie auch schon.

Gleichwohl entstehen nach wie vor Fotos. Hier die unserer Meinung nach zehn besten, die unter dem Hashtag #Mittellandromantik erschienen sind.

Pippi und der Kalte Krieg

«Kripo Kons(ch)tanz, Klara Blum.» So kennen wir Eva Mattes. Als Mutter Courage des «Tatorts» flimmert sie regelmässig über die Mattscheiben des deutschen Sprachraums. Am Mittwoch (6. April) schickte sie sich an, in Zofingen ein differenzierteres Bild von sich zu vermitteln. Jenes einer Schauspielerin mit einem Faible für das Experimentelle. Einer, die sich davor sträubt, an kommerziellen Produktionen teilzunehmen und deswegen lange mit der Anfrage für die Rolle im Bodensee-«Tatort» haderte.

Ihre Karriere hatte die Autodidaktin schon als 14-Jährige begonnen. Sie war die Synchronstimme von Timmy aus der Fernsehserie Lassie und wenig später von Pippi Langstrumpf. Überdies präsentierte sich Eva Mattes im Zofinger Stadtsaal als Sängerin von Chansons, am Klavier begleitet von ihrer langjährigen Freundin und Wegbegleiterin, der Dirigentin und Festivalintendantin Irmgard Schleier.

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Mattes verleiht vielen Hörbüchern ihre Stimme. Ihr zu lauschen ist angenehm. So war es auch am Mittwochabend. Zumal die vorgetragenen Auszüge aus ihrer Autobiografie «Wir können nicht alle wie Berta sein» allesamt gut gewählt sind. Interessant, oft auch amüsant – gespickt mit leichter Selbstironie. Sie erzählen von Skandalen, unorthodoxen Interpretationen von Klassikern, von vor Wut tobendem Theaterpublikum, von nicht erfüllten Wünschen zur Person Klara Blum und der Rolle als Friedensaktivistin gegen den Kalten Krieg.

Schaler Nachgeschmack

Sympathisch wirkt sie, da vorne auf der Bühne. Glaubwürdig. Gerne folgt man ihren Anekdoten. So wie man sie gerne im Fernsehen sieht; und sicher auch auf der Bühne – so man als Schweizer denn das Vergnügen dazu hat. Mitunter indes mag sich der eine oder andere Zuhörer dennoch sagen: «Alles schön und recht. Aber mehr auch nicht.» Und gerade die Aussage, Mattes und Schleier hätten als Organisatorinnen von Friedensveranstaltungen zum Fall des Eisernen Vorhangs beigetragen, kommt dann doch etwas sehr selbstbewusst daher. Auch wenn es ihnen nach bescheidenen Anfängen gelang, ganze Fussballstadien zu füllen.

Dieser schale Nachgeschmack bleibt. Es war ein interessanter, amüsanter und auch musikalisch hörenswerter Abend. Doch letztendlich war das da vorne bloss eine Schauspielerin. Ein gute zweifelsohne. Eine gestandene Künstlerin mit sympathischen Weltanschauungen. Aber mehr nicht.

Echte Schweizer

Kleine Polemik zum Nationalfeiertag.

Folgendes intellektuell bedenklich schmalbrüstige Elaborat ist in Zofingen anzutreffen:

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Die Tatsache, dass dieser geistige Tiefflug ausgerechnet auf einem Robidog-Kasten verewigt wurde, schafft ironischerweise – da wohl käumlich beabsichtigt – eine treffende Symbolik: Wo Scheisse drin steckt, gehört auch Scheisse oben rauf.

Unsere Antwort auf den ignoranten Schwachsinn:

Falsch! Ich bin Schweizer. Und ich hasse niemanden. Aber ich verabscheue Rassismus.

In diesem Sinne: Frohes Fest, ihr Knallköpfe. Auf dass ihr heute all euer nationalistisches Pulver verschiessen möget. Ab morgen herrscht dann gefälligst wieder Ruhe!

Mit der höflichen Bitte um Klicks

Facebook? Nie im Leben!

David Koller gehört zu den hartnäckigen Verweigerern von Mark Zuckerbergs Mega-Imperium. Deswegen hat er im Jahr 2009 hier auf igosana als Konkurrenzprodukt sanaBook lanciert.

Sanabook

Kollers komplettes Profil im sanaBook gibt es hier.

Facebook, nie im Leben? Tja, so kann es gehen. Seit Kurzem ist Kollers Einzelunternehmen Schreiberei Koller Mitglied des Werbekollektivs Zofingen.

kollektivAlle Mitglieder dieses Zusammenschlusses, aber auch das Kollektiv selber, besitzen einen Facebook-Account. Deswegen kam unser notorischer Verweigerer nicht darum herum, mit seinem Geschäft ebenfalls ein Opfer von Zuckerbergs Netzwerk zu werden.

Über Klicks auf den «Gefällt mir»-Button freut er sich trotzdem.

facebook.com/schreiberei.koller

Wenn Kommerz nicht schlecht ist

Vielleicht ist es die langsam einsetzende Altersmilde. Im Gegensatz zu den Kritiken der Vorjahre hatte David Koller am diesjährigen Programm des «Heitere»-Festivals wenig auszusetzen. Seine etwas strengeren Rückblicke für den «Willisauer Bote» gibt es hier: 2011, 2012 und 2013.

Hyperaktive Frankofone und virtuose Kalifornier

Tops und Flops In der diesjährigen Ausgabe bot das «Heitere»-Festival erfrischend viele Höhepunkte. Nur ein Act vermochte überhaupt nicht zu überzeugen.

Gar so viel wurde in den letzten Jahren an dieser Stelle über das «Heitere»-Programm gestänkert. Konzeptlos sei es, wirkliche Höhepunkte fehlten, immer wieder liefere das Open Air Schläge in die Magengrube eines jeden Musikliebhabers. Heuer war vieles anders. Für einer der zahlreichen Höhepunkte sorgten «Queens of the Stone Age». Zwar liessen es die Kalifornier um Frontmann Josh Homme an Publikumsnähe fehlen. Doch das machten sie mit instrumentaler Virtuosität wett.

DSC_0497Verzauberte den «Heitere»-Platz in eine Strasse im Pariser Montmartre: ZAZ. (Foto: Evelyne Fischer, WB)

Für ein frühes Glanzlicht sorgten am Freitag «Triggerfinger». Vielen kennen die drei Belgier vorab wegen ihres Mitpfeif-Ohrenwurms «I Follow Rivers». Doch mitnichten gehören die schon etwas reiferen Herren zu den seichten Poppern. Im Gegenteil: Waschechte Rocker sind sie. Und gute obendrauf.

Swissness bis zum Abwinken

Grandios war das britische Ausnahmetalent Birdy. Indes konnte einem die zierliche Frau mit der grossen Stimme leidtun. Denn ihre einfühlsame Musik wirkte um 21 Uhr vor einem bereits alkoholgeschwängerten und nach mehr Party dürstenden Publikum deplatziert. Man würde sich die erst 18-Jährige lieber in einem kleinen Club anhören als auf einer grossen Festivalbühne.

Solche Probleme kennt «Bligg» nicht. Von Anfang an hatte der Zürcher das Publikum im Griff. Er bietet eben das, was man zu fortgeschrittener Stunde an einem Open Air erwartet: Mitsingmusik, in der sich Ohrwurm an Ohrwurm reiht. Indes wirkt das permanente Betonen seiner Swissness anstrengend. Überdies wäre wünschenswert, er würde etwas weniger Werbung für seine Produkte machen. Die dauernden Marketinganstrengungen zeigen: «Bligg» ist ein guter Entertainer, vor allem aber ein genialer Verkäufer.

Fette Bässe und dünne Ladies

Nur einen wirklichen Tiefpunkt gab es: Sean Paul. Seine Show war unmotiviert. Das permanent herumgeschwungene Frotteetuch wirkte lustlos, das ewige Geplapper über «Sexy Ladies» dümmlich. Mit fetten Bässen und knapp bekleideten Tänzerinnen von erstaunlicher Elastizität reihte sich der Jamaikaner ein in die Gilde der Abstürze der letzten Jahre: Taio Cruz und Pitbull.

Dass kommerzielle Musik durchaus Niveau haben kann, zeigte Cro. Der stets in Pandabär-Maske auftretende deutsche Rapper sorgte für viel grelles Gekreische in den vorderen Reihen, überzeugte mit seinem abwechslungsreichen Repertoire aber auch ältere Semester. Dass kommerzielle Musik gar extrem gut sein kann, bewiesen abermals Jan Delay und «Disko No. 1». Der näselnde Hamburger und seine Begleitband waren nicht zum ersten Mal auf dem Zofinger Hausberg. Und sie sorgten nicht zum ersten Mal für viel Begeisterung.

Montmartre am «Heitere»

Und dann waren noch die beiden hyperaktiven Frankofone. Sowohl der Belgier Stromae als auch die Französin ZAZ sind auf der Bühne kaum zu bremsende Wirbelwinde. Sehr sympathische notabene. «Stromae» brachte die Menge mit minimalistischen Electro zum Hüpfen. «ZAZ» verzauberte den «Heitere»-Platz in eine Strasse im Pariser Montmartre, in der alle mittanzten und -sangen. Die 34-Jährige sorgte am Sonntagabend für einen gebührenden Ausklang eines Festivals, das endlich wieder nicht nur von der Stimmung her überzeugte, sondern auch von der musikalischen Qualität.

Willisauer Bote (WB), 12. August 2014
© David Koller, 2014