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Kleine Medienschelte

Nachdem wir in letzter Zeit vor allem gelobt haben – insbesondere gute Bücher –, wollen wir nun endlich wieder einmal stänkern. Das tun wir mit einer Liste von zehn Dingen, auf die wir in den Medien gerne verzichten würden:

  1. Donald Trump
  2. Alles aus der «Weltwoche»
  3. Artikel, die mit dem Pronomen Ich beginnen
  4. Berichte über «Schweizer Promis», sprich Angestellte von SRF
  5. Artikel, die auf Vermutungen und unbestätigten Gerüchten aufbauen publiziert mit dem alleinigen Ziel, als erste über ein Ereignis zu berichten
  6. Mamis oder Papis, die nach der Geburt des ersten Kindes einen Wir-Eltern-Ratgeber-Blog aufschalten
  7. Zeitungsberichte über TV-Sendungen (Besonders beliebt: «Donnschtig-Jass» in lokalen Blättern, «Arena» in nationalen Medien)
  8. Undifferenzierte online-Kommentare selbsternannter «Islamexperten»  (Grundtenor: Muslim = Terrorist)
  9. Push-Nachrichten über irrelevante Ereignisse in der Stadt Zürich, zum Beispiel einen Stromausfall im Kreis 4
  10. Sämtliche Berichte über Kim Kardashian, Irina Beller, Gianni Infantino, Chris von Rohr oder Christoph Blocher. Wer sind die überhaupt?

Das Elend vor der eigenen Haustür

PlatzspitzbabyNachdem der obligate Kanon des Studiums abgearbeitet ist, können wir uns wieder persönlichen Lesewünschen widmen. Das aktuelle Buch indessen ist nicht wirklich ein Wunsch. Eher eine Pflicht, denn es ist zu brutal, zu sehr stellt es das Elend vor der eigenen Haustür dar.

In «Platzspitzbaby» schildert Michelle Halbheer, Tochter einer Schwerstabhängigen, ihr scheussliches Heranwachsen im Kreis von halbtoten, permanent zugedröhnten Menschen. Was sie erzählt ist schwer erträglich. Wäre da nicht das mehr oder minder versöhnliche Ende: Trotz allem hat sie überlebt – was ob der täglichen Katastrophen alles andere als selbstverständlich ist –, konnte gar eine Lehre absolvieren. Selbst in die Casting-Show Musicstar hat sie es geschafft. Über deren Qualität lässt ich streiten. Immerhin aber zeigt diese Tatsache, dass die junge Frau nicht aufgegeben hat.

Versagen der Kontrollorgane
Offenbar ist es ihr gelungen, dem Elend zu entgehen – so gut dies halt möglich war. Doch der Weg war hart. Und hier liegt die wohl schockierendste Erkenntnis der Lektüre. Das Buch zeigt gnadenlos auf, wie sehr der Staat versagt hat. Immer und immer wieder zogen herbeigerufene Polizisten unvollendeter Dinge ab und überliessen die Tochter ihrem Schicksal. Immer und immer wieder gelang es der Mutter, kontrollierende Behörden zu täuschen und davon zu überzeugen, wie gut sie sich um ihre Tochter kümmere. Stattdessen stand diese in der Hierarchie weit unterhalb der täglich benötigten Drogen.

Die von der Journalistin Franziska K. Müller niedergeschriebene Geschichte gibt vorab die Meinung Halbheers dar. Ein paar ihr nahestehende Menschen kommen ebenfalls zu Wort, nicht aber offizielle Stellen. Sie können sich nicht zu den massiven Vorwürfen äussern. Zudem ist wiederholt die Kritik zu lesen, dass sich Frauenrechtsorganisationen einseitig für die Mutter einsetzen und der verzweifelte Vater immer wieder den Kürzeren zog. Auch hier sind keine Stellungnahmen der anderen Seite zu finden.

Der Makel der Einseitigkeit bleibt während der ganzen Lektüre bestehen. Indes dokumentiert das Buch damit, wie sehr sich die junge Frau in Stich gelassen fühlte. Wer so viel erlebt hat, darf seine Sicht aufzeigen und anklagen – um so hoffentlich Diskussionen anzuregen.

Ein beklemmendes und gleichwohl lesenswertes Buch.

Halbheer, Michelle: Platzspitzbaby. Meine Mutter, ihre Drogen und ich. Wörterseh Verlag, 2013. 224 Seiten.

Das ideale Angebot für den Hipster

Immer wieder liefert die tägliche Spam-Flut im Posteingang nette Überraschungen. So erreichte uns dieser Tage eine Email von Marco, einem Figaro & Barbiere aus Zürich. Zu lesen war in seiner Nachricht unter anderem:

Ein Mann rasiert sich rund 20’000 Mal in seinem Leben und verbringt so fast 3’500 Stunden. Grund genug aus der Routine auszubrechen und sich mit einer Rasur nach alter Schule etwas besonderes zu gönnen. Barbiere Marco bietet mit der messerscharfne (sic!) Nassrasur ein authentisches Ritual sowie auf Männerhaut abgestimmte Pflege in exklusivem Solo-Tu-Ambiente.

Illustriert war die in Sachen Orthographie und Interpunktion etwas progressive Mail mit diesen Bildern:

bart

In der Tat: Barbiere Marco hat sich in einer Zeit, in der dank der von vielen verpönten und dennoch überall anzutreffenden Hipster wieder Bart getragen wird, ein gutes Geschäftsmodell ausgesucht.

Indes gehört David Koller nicht wirklich zur Zielgruppe. Denn einerseits betrachtet er sich nicht als Hipster, vielmehr als Indie-Nerd (das aber auch nur, weil es so toll tönt). Vor allem aber ist sein Bartwuchs dermassen bescheiden, dass sich der Gang nach Zürich erübrigt.

Wie Herr Koller auf den Verteiler dieses Mailings kommt, bleibt ein Rätsel. Es ist wohl der Auswuchs einer jener Listen, in die man sich nie eingetragen hat und von denen man trotz diversen Abmeldungen nie mehr runter kommt.

Beim Barte des Propheten! Eines hat die Marketingagentur von Barbiere Marco erreicht: Falls Herr Koller doch noch einmal ein rasierungswürdiger Bart wachsen sollte, wird er für dessen Pflege sicher nicht nach Zürich fahren. Solo-Tu-Ambiente hin oder her. Zumal dieser – für einmal immerhin italienische – Marketingbegriff eine ganz andere Dimension erhält, wenn für dessen Promotion offenbar die halbe Schweiz angeschrieben wird.

Auf den Hund gekommen

Unerwartet wurde David Koller zum Mit-Hundehalter. Das war ihm eine «Carte Blanche» wert.

Diva mit Dackelblick

Vor genau sieben Jahren war an dieser Stelle von Jumbo zu lesen, meinem ersten Hund. Noch ein Kind, war ich für die Erziehung des mittlerweile längst in den ewigen Jagdgründen pirschenden Terriers verantwortlich. Und scheiterte kläglich. Er war der Hund mit den schlechtesten Manieren der Welt, davon ist meine Familie bis heute überzeugt – 0,0 Prozent gehorsam sei er gewesen. Mit einer solchen Erfolgsquote sollte man die Finger von Vierbeinern lassen. Doch wie die Jungfrau zum Kinde kamen meine Liebste und ich unlängst zu einem Dackel. Aus heiterem Himmel fiel uns der drahthaarige Geselle in den Schoss, aus dem Nachlass einer unerwartet verstorbenen Verwandten.

Buma. Zuvor war er von Beruf Hund in einer Stadtzürcher Quartierbeiz. Jetzt ist er pensioniert, hat er doch schon elf Lenze auf seinem Buckel. Nach der gängigen Rechnung sind das 77 Menschenjahre. Ein regelrechter Methusalem ist unser neuer Mitbewohner. Wenn er will, ist das gut sichtbar. Meistens schläft er – zufrieden grunzend. Ist er wach, ist sein Gang gemächlich und erinnert an jenen der auf indonesischen Inseln lebenden Riesenechsen, von denen die «NZZ am Sonntag» schrieb, sie hätten etwas «unverwechselbar putinhaftes». Mit seinem stoischen Tapsen sorgt Buma für eine Entschleunigung unseres Lebens. Doch er kann auch anders. Wie unlängst an einem Gartenfest, als er zur allgemeinen Gaudi blitzartig aus seiner Lethargie erwachte und wie von der Tarantel gestochen einer Katze nachhetzte.

BumaSchläft meistens zufrieden grunzend, und das erst noch auf dem Rücken: Buma, eine 77-jährige – unverkennbar männliche – Stadtdiva.

Ein wahrer Zürcher: Obwohl in seinem Hundepass steht, er habe Sauhaar, kann er sich wie eine Grossstadt-Diva benehmen. Dann etwa, wenn Spaziergänge seiner Meinung nach zu früh enden: Zuerst gibt es einen meisterhaften Dackelblick. Bliebt der erfolglos, ändert das Hundetier die Strategie. Aus dem gemütlichen Pensionär wird ein pinkeliger Doktor: Jedes Grasbüschel beschnuppert er pedantisch, um anschliessend seinen 77 Jahren zum Trotz sportlich elegant das Bein zu heben. Dennoch: Im Gegensatz zu Jumbo ist er enorm gehorsam – wenn er denn will. Die Quote liegt somit bei ungefähr 50 Prozent. Doch mit diesen Federn kann ich mich nicht schmücken. Ich werde immer die Bürde tragen, der erfolgloseste Hundeerzieher der Welt zu sein. Vielleicht kann ich mein ramponiertes Ansehen wenigstens ein bisschen verbessern, indem ich einem eingebildeten Zürcher Altersasyl gewähre.

Die erwähnte «Carte Blanche» über Jumbo gibt es hier, einen Beitrag zu den Riesenechsen in Indonesien hier.

Willisauer Bote (WB), 17. August 2013
© David Koller, 2013

Ein Migrationsdrama

Das macht uns traurig: 1967 erblickte in Bratislava in der damaligen Tschechoslovakei Iveta Gavlasovà das Licht der Welt. Nach der Schulzeit schreib sich die strebsame Frau 1985 für das Studium der Medizin ein. 1992 legte sie das Staatsexamen mit dem Prädikat «Ausgezeichnet» ab. Ein Jahr später promovierte sie an der Universität ihrer Heimatstadt zum «MEDICINAE UNIVERSAE DOCTOR» / MUDr. (Doktor der Medizin).

Im selben Jahr kam sie in die Schweiz, heiratete und trägt seither den Namen Yvette Estermann. 1999 erhielt sie die hiesige Staatsbürgerschaft. Sechs Jahre danach startete sie durch und nahm eine steile politische Karriere in Angriff. 2005 wurde sie in den Luzerner Kantonsrat gewählt. Seit 2007 vertritt sie den Stand Luzern in der Grossen Kammer in Bern. Von der Migrantin zur Nationalrätin: wenn das nicht gelungene Integration ist!

Und jetzt dies: «Der Schweizer Ärzteverband VSAO hat Yvette Estermann das Recht abgesprochen, sich Dr. med. zu nennen. Ihr fehlt die Dissertation», schreibt der neue Zentralschweiz-Korrespondent des «Tagesanzeigers», Michael Soukup. Und:

Mit dem Entscheid des Ärzteverbandes darf die Luzerner Politikerin ab sofort nur noch den in der Slovakei erworbenen Titel «MU Dr., Comenius-Universität in Bratislava» führen. Dieser Titel beruht allerdings nicht – wie an Schweizer Universitäten – auf dem Abschluss einer Forschungsarbeit mit Dissertation (Dr. med.). Es handelt sich vielmehr um einen sogenannten Berufsdoktor, der in der Slowakei allen Absolventen des Medizinstudiums zusammen mit dem Abschlussdiplom verliehen wird.

Wir sind empört und fragen: Ist das der Umgang der Schweiz mit strebsamen Neo-Eidgenossinnen?

Nicht weniger traurig macht uns, was der «Tagesanzeiger» einen Tag früher ans Licht brachte. Ein Rats- und Parteikollege Estermanns hat derzeit ebenfalls schlechte Presse: Prof. Dr. phil. Christoph Mörgeli. Zwar zweifelt niemand an dessen Dissertation und Habilitation. Dennoch könnte seine akademische Reputation besser sein.

Denn ein pünktlich zum Sessionsbeginn an die Öffentlichkeit durchgesickerter interner Bericht der Uni Zürich kritisiert Mängel im von Mörgeli geleiteten Medizingeschichtlichen Institut. Zudem sei das dazu gehörende Museum veraltet und teilweise gar fehlerhaft. Auch sei der Ansturm auf gewisse von Mörgeli angebotene Vorlesungen nicht eben riesig. Einige hätten deswegen gar abgesagt werden müssen.

Arme SVP, so viele Negativschlagzeilen. Denn da ist auch noch der Rücktritt von Nationalrat Bruno Zuppiger und der Knatsch innerhalb der Zürcher Kantonalpartei.

Insofern muss sich die stramme Iveta Estermann-Gavlasovà nicht allzu viele Sorgen machen. Denn sie hat sich nicht nur in der Schweiz bestens integriert. Auch in ihre Partei mit den mannigfaltigen Problemen passt sie hervorragend.

Nachtrag: seinen Humor hat Christoph Mörgeli offenbar nicht verloren. So twitterte er heute (12.09.12) Mittag: «Wann kriegt Whistleblower Blocher für seine Hildebrand-Verdienste 100 Millionen?»